Der Lüge Herr werden

Recherche-Teams kämpfen seit Jahren gegen Fake News.
Das Problem: Sie kommen kaum hinterher. Ist die Wahrheit schon verloren?

Der Papst unterstützt Donald Trump. Diese Falschnachricht wurde zur US-Präsidentschaftswahl 2016 in Millionen von Timelines gespült. Erdacht wurden Meldungen wie diese in Troll-Fabriken in Mazedonien und anderswo, mit dem Ziel, die Wahl zu beeinflussen oder durch die Reichweite und Werbung Geld zu verdienen. Nach der Wahl von Trump zum US-Präsidenten wurde schnell das postfaktische Zeitalter ausgerufen. Fake News statt Fakten, jeder macht die Welt, wie sie ihm oder ihr gefällt – Leben im Pippi-Langstrumpf-Modus, so der Tenor vieler Kommentare.

 

Fake News lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Zum einen die bewusst lancierten oder verbreiteten Falschinformationen – also Lügen mit bestimmten Interessen. Die zweite Gruppe bilden die nicht beabsichtigten Falschinformationen, die durch journalistische Fehler entstehen. Bei der dritten Gruppe geht es um unzulässige Übertreibungen und Überspitzungen zugunsten der Reichweite – Stichwort Clickbait.

Von der Falschmeldung zu Fake News

Fake News gibt es nicht nur im von Donald Trump regierten Amerika. Wie groß das Problem in Deutschland ist, das wollte im Vorjahr die Stiftung Neue Verantwortung mit einer ausführlichen Studie herausfinden. Das Forscherteam untersuchte dabei auch qualitativ bestimmte Fake News. Eine Falschmeldung der dpa hatte dabei einen besonders beeindruckenden Effekt erzielt. Auf die Nachricht, in der baden-württembergischen Stadt Schorndorf hätten 1.000 Migrant*innen randaliert, folgten nach Angaben der Forscher*innen etwa eine halbe Million Nutzeraktivitäten – durch Teilen, Liken oder Kommentare in sozialen Netzwerken. Die AfD sprach von einer „islamischen Grapschparty“.

 

Erst im Nachhinein wurde klar: Es zwar tatsächlich bei einem Volksfest in Schorndorf zu Straftaten gekommen, doch die Meldung von den „1.000 Randalierern“ war vollkommen übertrieben.

Die Wahrheit zieht sich noch die Schuhe an

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass die Arbeit gegen Fake News ein Kampf gegen Windmühlen ist: „Fake News mit Fact-Checking oder ähnlichen journalistischen Formaten zu bekämpfen, zeigt nur begrenzt Wirkung. Fast alle untersuchten Fake News erzielen deutlich höhere Reichweiten als ihr Debunking.“

 

Debunking, das ist die Enttarnung oder die Richtigstellung. Diese erreicht im Durchschnitt deutlich geringere Reichweite als die Originalnachricht, die Fake News. Das war auch im Fall des Volksfestes in Schorndorf so. Auch, weil sie Zeit braucht – laut den Wissenschaftler*innen zwischen 24 und 72 Stunden. So scheint eine alte Weisheit aktueller denn je zu sein: Die Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht. Denn während sich sie Falschmeldungen schnell über Facebook, WhatsApp-Gruppen oder andere Kanäle verbreiten, dringen die Fakten-Checker*innen meist gar nicht erst in diese Echokammern vor.

 

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt die momentane Atmosphäre, in der wir Menschen kommunizieren „die große Gereiztheit“. In seinem gleichnamigen Buch beschreibt er, wie es heute immer einfacher möglich werde, „Störsignale“ des eigenen Weltbilds auszublenden. Menschen wollen Fake News glauben, wenn sie die eigene Meinung bestärken. Pörksen nennt das „die Entfesselung des Bestätigungsdenkens“. Medienmündigkeit sei zur Existenzfrage der Demokratie geworden, sagt Pörksen. Der Medienwissenschaftler fordert deshalb, die digitale Gesellschaft müsse zur redaktionellen Gesellschaft werden. Zur Gesellschaft, deren Mitglieder Quellen kritisch prüfen und auch reflektieren, was sie selbst in die Welt senden. Medienbildung ist demnach die eigentliche Waffe gegen Fake News.

Bild: Kayla Velasquez

Der professionelle Faktencheck

Es gibt in zahlreichen Redaktionen der großen Medien Verifikationsteams – etwa die Faktenfinder der ARD. Das Projekt Correctiv, das sich durch seine investigativen Artikel einen Namen gemacht hat, arbeitet ebenso als Faktenchecker – auch im Auftrag von Facebook.

 

Eine der Falschmeldungen, die Correctiv zuletzt widerlegte, war: Der Attentäter von Halle sei in Wirklichkeit in Kasachstan geboren. Andere Meldungen im Internet nannten ihn einen gebürtigen Iraner. Das Correctiv-Team rief daraufhin beim Standesamt von Eisleben an – das bestätigte: Stephan B. wurde dort geboren. Das Beispiel zeigt, dass es nicht immer ein großes Team, digitale Tools oder einen langen Atem braucht, um Fake News zu entlarven. Manchmal reicht ein Anruf bei einer Behörde. Um die Schwarmintelligenz zu nutzen und um zur politischen Bildung beizutragen, bildet Correctiv in seinem Community-Projekt Checkjetzt außerdem seit einigen Monaten auch Bürger*innen im Faktenchecken aus.

 

Ein anderes Projekt ist Der Volksverpetzer. Gegründet hat es Thomas Laschyk, der zunächst einfach damit begann, falsche Informationen per Onlinekommentar richtigzustellen. So offensichtlich waren die Falschmeldungen manchmal, so perfide die Fakes – dass Thomas Laschyk sich immer mehr aufregte, recherchierte und postete. Was hat er da nicht diskutiert, Fakten in Diskussionen eingebracht und Fake News als solche enttarnt. Heute nennt er das „verschwendete Arbeitszeit“, denn seine Entgegnungen versandeten in irgendwelchen Spalten, während links und rechts ständig zu den gleichen Nachrichten ähnliche Diskussionen entbrannten. Dann gründete Laschyk die Seite Der Volksverpetzer, die er mittlerweile hauptberuflich betreibt und über Spenden finanziert. Unterstützt wird er dabei von einem Team von ehrenamtlichen Helfer*innen. Gemeinsam reagieren sie mit pointiert formulierten Entgegnungen auf Fake News von Donald Trump, der AfD oder dem Comedian Dieter Nuhr, der bei Witzen über Greta Thunberg veraltete Studien zitiert hatte.

Das Netz der Desinformationen

„Die erste Frage ist immer: Ist das relevant?“, sagt Laschyk. Und: Können wir die Nachricht umdrehen, also eine gut erzählte Enttarnung schaffen? Entdeckt jemand aus dem Team eine Fake News, wird im teaminternen Forum diskutiert: Wie oft wurde die Lüge bereits geteilt und wie kann sie widerlegt werden?

 

Es gibt zu viele Fake News, als dass die Faktenchecker*innen wirklich alle Meldungen recherchieren und fundiert widerlegen könnten. Das macht es notwendig, sich zwangsläufig auf die mit der größten Reichweite zu konzentrieren. Mit der Verbreitung von Informationen beschäftigt sich TraceMap. TraceMap schaut auf Desinformationen aus einem anderen Blickwinkel. Dem Team um Programmierer Eike Müksch aus Leipzig geht es nicht in erster Linie um Inhalte, sondern um „Diffusionsmuster von Beiträgen in sozialen Medien“. Aktuell entwickeln sie ein interaktives Webtool, mit dem jede*r selbst nachvollziehen kann, wie sich Beiträge in einem sozialen Netzwerk verbreiten.

Es geht um Schadensbegrenzung

Für das Verbreiten einer Nachricht ist das Storytelling wichtiger als der Wahrheitsgehalt, so die These vom Volksverpetzer-Gründer Thomas Laschyk. Ist eine Geschichte gut erzählt und bestätigt die eigene Meinung, wird sie geglaubt und geteilt. Folgt man der These, dann ist der Kampf gegen Fake News mit Vernunft nicht zu gewinnen. „Es geht um Schadensbegrenzung“, sagt er. Wichtig sei, dass die Gruppe der Aufgeklärten immer größer bleibe als die der Unbelehrbaren.

 

Mit Angriffen von außen gehen die Faktenchecker*innen unterschiedlich um. Thomas Laschyk hat auch schon Vieles erlebt: Beleidigungen sind Alltag, aber es gab auch schon mal Drohungen von vorbestraften Neonazis. Laschyk blockt die Kontakte in den sozialen Netzwerken, bei denen er glaubt, dass kein Interesse an Austausch besteht. Das sei schon ein Eingeständnis einer Niederlage, so beschreibt es Laschyk. „Aber es ist unvermeidbar, um meine geistige Gesundheit zu erhalten“, sagt er.

Der Videobeweis gilt nicht mehr

Hat das postfaktische Zeitalter gerade erst begonnen? Heute gibt es Anwendungen wie die FakeApp, die es möglich machen, am heimischen Computer Gesichter in Filme zu montieren. Und mit Profi-Software entstehen täuschend echte „Deepfake“-Videos, die nur mit großem Aufwand als Fälschung erkannt werden können. Eine Studie des Cybersicherheitsunternehmens Deeptrace zeigt, dass zuletzt mehr als über 14.000 „Deepfakes“ im Internet im Umlauf waren. 96 Prozent der Videos zeigen gefälschten pornographischen Inhalt. Damit ist „Deepfake“ ein Phänomen, das fast ausschließlich Frauen betreffe, so die Studie.

 

Längst werden „Deepfake“-Videos aber auch zur Propaganda eingesetzt, etwa in Kriegen und Konflikten. Manche Fakes zielen dabei einfach darauf ab, genügend Verunsicherung zu stiften, um den oder die Gegner*in zu schwächen.

 

Der US-Bundesstaat Kalifornien hat kürzlich reagiert und den Einsatz von „Deepfake“-Videos in politischen Wahlkämpfen verboten. Doch reichen Gesetze aus oder leben wir bald in einer Welt, in der gilt: Vertraue niemandem? Die Antwort auf diese Entwicklung kann keine rein technische sein. Mit Technik lässt sich den Lügen immer nur im Nachhinein hinterherjagen. Die Expert*innen aus den Faktencheck-Redaktionen sind sich einig: Als Medien-Konsument*innen müssen wir darauf gefasst sein, manipuliert zu werden. Daher gilt: eine gesunde Skepsis entwickeln und Informationen kritisch konsumieren. Ansonsten bedrohen Fake News die Grundlagen unserer Demokratie – die Möglichkeit einer Verständigung über das, was ist. Ein lange Zeit vernachlässigtes Feld im deutschen Bildungswesen wird immer wichtiger: die Medienkompetenz.

Zum Autor

Gerd Schild ist nach einigen Jahren bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung heute als freier Journalist tätig. Er schrieb u. a. für die Neue Züricher Zeitung, den Tagesspiegel und 11Freunde.

Aufstand der Ideen – Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Sham Jaff (what happened last week).