"Die BILD-Zeitung verstehen die Menschen"

Syrienkrieg, Genforschung, Trump – die tägliche Nachrichtenflut ist für viele Menschen kaum noch auszuhalten. Sham Jaff versucht, sie in den Griff zu bekommen. Mit ihrem Newsletter "What happened last week" sortiert sie einmal pro Woche das Weltgeschehen. Jaffs Geheimnis: die Sprache.

Sham Jaff wurde 1989 im Irak geboren und kam als Kind mit ihrer kurdische Familie nach Deutschland. Seit ihrem Studium der Politikwissenschaft geht Jaff einem ungewöhnlichen Hobby nach. Einmal in der Woche fasst sie mit dem Newsletter „What happened last week“ relevante Nachrichten aus aller Welt zusammen. Ihre News-Auswahl reicht von den neuesten Entwicklungen in der Raumfahrt bis zur politischen Lage im Sudan (Übersicht). Damit hat Jaff einen Nerv getroffen: Mehr als 6.000 Menschen aus rund 100 Ländern haben ihren Newsletter abonniert. Wir haben die freie Journalistin gefragt, was sie antreibt.

 

Du kehrst mit deinem Newsletter Woche für Woche das Weltgeschehen zusammen. Wie verschaffst du dir einen Überblick in der Flut von Informationen und News?

 

Sham Jaff: Ich habe jeden Tag rund 50 Nachrichtenquellen im Blick und lege auf meinem Smartphone eine Liste mit möglichen Themen an. Am Sonntagmorgen beginnt dann die eigentliche Arbeit: das Schreiben, beziehungsweise das Umschreiben. Ich entscheide aus mehr als 30 großen Themen, welche es in den Newsletter schaffen.

 

Das klingt wie der völlige Wahnsinn. Welche Quellen hast du täglich auf dem Schirm?

 

Sham Jaff (lacht): Ich habe sehr bewusst entschieden, welche Medien und welche Journalist*innen ich auf dem Schirm habe. Da ist alles dabei, von der Auslandskorrespondentin bis zur Nasa. Diese Quellenauswahl ist schon die halbe Miete. Dank meines Philosophie- und Politik-Studiums habe ich einen sehr kritischen Blick für News entwickelt. Oft sehe ich News, die aber eigentlich versteckte PR sind. Manche Themen werden auch künstlich hochgejazzt. Über die wirklich wichtigen Vorgänge ist dagegen manchmal fast nichts zu lesen.

"Ich will verstanden werden"

Würdest du sagen, deine Arbeit hat eine Art therapeutische Funktion?

 

Sham Jaff:  Ja, und zwar wortwörtlich. Vor einigen Jahren habe ich meinen Newsletter einer Selbsthilfegruppe in einer Social Media Detox Clinic in den USA zur Verfügung gestellt. Die Gruppe war überfordert mit der Nachrichtenflut. Einige von ihnen sind heute noch treue Leser*innen. Sie verzichten auf die täglichen News und vertrauen meiner wöchentlichen Auswahl.

 

Du machst das jetzt seit fünf Jahren und verdienst damit kein Geld. Was treibt dich an?

 

Sham Jaff: Ich will meinen Leser*innen Orientierung bieten. Ich will, dass sie sich über die wichtigen Dinge Gedanken machen, Diskussionen mit Substanz führen können, die Perspektive erweitern. Was mich dabei glücklich macht, ist der enge Kontakt mit den Leser*innen. Sie dürfen mich alles fragen, auch ganz „dumme“ Dinge. Zusammen werden wir jedes Mal ein wenig schlauer.

 

Du schaffst es in deinen Newslettern, sehr komplexe Vorgänge in eine einfache, lockere Sprache zu bringen. Ist das dein Naturtalent oder harte Arbeit?

 

Sham Jaff:  Als ich mit neun Jahren als Kurdin hierherkam, konnte ich weder Deutsch noch Englisch und gehörte auch (noch) nicht zur Bildungseliten-Bubble. Ich musste ständig Wörter nachschlagen. Richtig Arbeit waren zum Beispiel manche wissenschaftlichen Texte in meinem Studium. Ich habe mich oft gefragt: Was soll das? Warum sagt der Autor das nicht einfacher? Manche Menschen schreiben sehr lange Sätze und nutzen Fremdwörter, nur um zu zeigen: „Ich bin gebildet“. Aber damit sagt man nicht unbedingt gleich etwas Schlaues. Ich mache das bewusst anders. In meinem Newsletter schreibe ich so, wie ich mit einer guten Freundin reden würde. Ohne Fremdwörter, ohne komplizierte Konstruktionen. Ich will niemanden sprachlich beeindrucken, ich will verstanden werden. Der Elefant, den ich mir beim Schreiben vorstelle, soll derselbe Elefant sein, den die Leser*innen vor Augen haben.

"Die neuen Medien sind auch eine Waffe"

Würde eine einfache Sprache – speziell in politischen Debatten – unsere Gesellschaft offener machen?

 

Sham Jaff:  Auf jeden Fall. Warum lesen viel mehr Menschen die BILD-Zeitung als die Zeit? Weil sie die BILD verstehen. Komplexe Sprache schließt aus. Menschen reden nicht mehr mit, weil sie Angst haben, „doof“ zu wirken. Sie bekommen ganze Debatten nicht mit, weil sie ihnen einfach zu hoch sind. Auch Jan Böhmermann ist hoch intellektuell. Das vergessen viele. Die Fraktion der Weltverbesserer sollte unbedingt ihre eigene BILD-Zeitung herausgeben.

 

Du hast das tägliche Weltgeschehen im Blick – was ist deine Prognose: Geht die Zeit des Populismus zu Ende?

 

Sham Jaff: Der Erfolg des Populismus ist getrieben von den sozialen Medien. Diese neuen Medien sind eben auch eine Waffe. Und wenn eine neue Waffe da ist, benutzt sie jemand. Das ist eben so. Ich habe aber das Gefühl, wir erreichen langsam einen Wendepunkt. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass da draußen ein Propaganda-Krieg tobt und glauben den Populisten auch nicht mehr alles.

 

Wenn du dir etwas für unsere Demokratie wünschen könntest, was wäre das?

 

Sham Jaff: Bildung und Wissen für alle. Ich glaube daran, dass wir die Welt verbessern können, indem wir sie erst einmal verstehen.

 

Interview: Theresa Singer & Alexander Wragge

Aufstand der Ideen - Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Orry Mittenmayer (Liefern am Limit).