Die Freiheitsmaßnahme

Kann aus viel Frust und Wut noch ein konstruktives Gespräch entstehen? Welche Ideen haben Menschen im Osten und Westen für eine bessere Gesellschaft? Projektleiterin Mascha Roth zieht eine Halbzeitbilanz unserer Tour „Die offene Gesellschaft in Bewegung“.  

Seit Monaten bist du nun immer wieder für mehrere Tage in Städten wie Schwerin oder Bochum unterwegs und sprichst mit Menschen darüber, wie sich unsere offene Gesellschaft verbessern lässt. Auch wenn das keine repräsentative Umfrage ist: wo sehen Menschen 2019 Handlungsbedarf?

 

Mascha Roth: Auf Platz eins liegt ganz klar das Thema Klima- und Umweltschutz. Vor allem der jungen Generation ist ganz bewusst, wie ungerecht es ist, dass sie ausbaden müssen, was die älteren Generationen gerade verbocken. Auf Platz zwei: Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Da sind viele Menschen nicht einverstanden mit dem Status Quo. Diese großen Begriffe werden hier plötzlich ganz konkret: Erlebte Ablehnung, beruflich und sozial. Mangelnde Barrierefreiheit. Auch Mobilität spielt eine große Rolle. Viele wollen gerne - nicht zuletzt aus Rücksicht auf die Umwelt - mehr den öffentlichen Nahverkehr und ihr Fahrrad nutzen, aber die Infrastruktur macht das schwer. Und auch immer wieder Thema: Bildung und Begegnung. Auch hier kommen viele Veränderungswünsche, die meisten wollen mehr Aufklärung, mehr Austausch.  

Szene in Bochum

„Dann ändert sich die Atmosphäre“

Was hat dich am meisten überrascht?

 

Mascha Roth: Das sind oft Anliegen, die aus einer persönlichen Betroffenheit formuliert werden. Ein Pfleger berichtete von schlimmen Zuständen im Altersheim, sowohl für die Bewohner*innen als auch für das Personal. Er sagte: „Da geht die Würde für beide Seiten drauf.“ So ein Satz bleibt hängen. Oder ein anderes Beispiel. Ein Ex-Soldat erzählte mir, viele seiner früheren Kameraden seien heute depressiv. Manche hätten Selbstmord begangen. Die Frage ‚Wie ergeht es Ex-Soldaten in Deutschland?‘ hatte ich mir so noch nie gestellt. Es gibt so viele Anliegen, die in der öffentlichen Debatte kaum Platz finden. Vielleicht sollten Politik und Medien hier mal genauer hinhören, anstatt immer wieder die gleichen Debatten zu reproduzieren. Am meisten überrascht mich aber eigentlich, dass viele Menschen ähnliche Probleme nennen, die alle nicht unlösbar sind. 

 

Das Konzept der Ausstellung ist es, nicht einfach Probleme zu wälzen, sondern nach Verbesserungsideen zu fragen. Man kann die eigenen Ideen aufschreiben, als Plakat umsetzen oder mit anderen im Freiluftforum darüber diskutieren. Wie kommt dieser Ansatz an?

 

Mascha Roth: Überraschend gut. Gerade bei manchen Menschen, die immer wieder an Grenzen in unserer Gesellschaft stoßen, kommt häufig erst einmal eine große Ladung Frust. Wenn wir sie dann aber als Expert*innen befragen, die nicht nur das Problem persönlich kennen, sondern auch mögliche Lösungen beisteuern können, dann ändert sich meist das ganze Gespräch, die Tonlage, die Atmosphäre.

 

Von der Wut zum konstruktiven Gespräch?

 

Mascha Roth: Ja, das erleben wir oft. Es passiert so ein Aha-Moment, wenn man die Denkrichtung ändert und in den Ideenmodus schaltet. Eine Frau beispielsweise empörte sich, warum sie sich um die Würde anderer Menschen irgendwo auf der Welt scheren sollte. Sie bekam einen ziemlichen Wutanfall. Nach einer Weile kam heraus, warum: Sie sah ihre eigene Würde bedroht. Sie hatte panische Angst davor, ins Altersheim zu kommen. Nach knapp einer Stunde verließ sie die Ausstellung. Ihre Forderungen und Ideen zur Wahrung der Menschenwürde in Pflegeheimen reisen jetzt durch Deutschland. Und es mag fast schon kitschig klingen, aber am Ende nahm sie eine Ausgabe des Grundgesetzes und die Erklärung der Internationalen Menschenrechte mit nach Hause.

Eine Idee von Teilnehmenden der Ausstellung; ein Freiheitsdienst.

Großer Bedarf nach Demokratie-Innovation

Bei den bisherigen fünf Stationen der Tour sind viele hundert Ideen zusammengekommen. Es geht um ganz einfache Dinge wie mehr Trinkwasserspender oder E-Tankstellen. Und es geht um große Forderungen, zum Beispiel nach einem neuen Wahlrecht oder einer Gemeinwohlbilanz, die den gesellschaftlichen Fortschritt nicht einfach an Wirtschaftsdaten misst. Welche Ideen lassen dich nicht los?

 

Mascha Roth: Zunächst mal was Lustiges. Jemand hat die Idee geteilt, einen Freiheitsdienst zu gründen. In Anlehnung an den wohlbekannten Sicherheitsdienst. Es ist vielleicht nur ein Gag, ein Wortspiel. Aber dieser kleine Kniff, die Wörter „Sicherheit“ und „Freiheit“ auszutauschen, regt zum Weiterdenken an. Was wäre, wenn es Freiheitskräfte gäbe, Freiheitsbehörden, was würden die tun? Und welche Freiheitsmaßnahmen brauchen wir?

 

Was mich etwas ernsthafter beschäftigt ist, dass viele Ideen darum kreisen, einen neuen politischen Austausch, eine neue Zusammenarbeit zu ermöglichen– sowohl zwischen den Bürger*innen als auch mit der Politik. Es gibt gefühlt einen großen Bedarf an Demokratie-Innovation. Das deckt sich mit Umfragen, wonach eine Mehrheit von mehr als 90 Prozent die Idee der Demokratie selbst gut findet, aber nur knapp über 50 Prozent damit zufrieden sind, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert.

 

Welche Vorschläge kommen hierzu?

 

Mascha Roth: Aus Schwerin haben Engagierte zum Beispiel die Idee, Blockparlamente einzurichten. Das sind Mini-Parlamente für die Nachbarschaft, in der alle Interessen- und Altersgruppen vertreten sind. Man trifft sich vielleicht in der Kneipe oder im Park und entscheidet gemeinsam über ein kleines Budget, mit dem Projekte vor Ort umgesetzt werden können. So könnten wieder mehr Menschen fürs politische Gestalten gewonnen werden, auch neben Beruf und Familie.

 

Ein weiteres Beispiel: In Mannheim sagten auffällig viele Teilnehmende, das öffentliche, nicht-kommerzielle Räume fehlen, in denen man sich austauscht und diskutiert. In unserem Ideenlabor haben Engagierte aus Mannheim deshalb einen aufblasbaren Begegnungsraum entworfen, der als eine Art mobiles Bürgerforum durch die Stadt wandern könnte.

Szene in Mannheim

„Das öffentliche Brainstorming funktioniert“

Die Tour war jetzt in Schwerin, Görlitz, Mannheim und Bochum. Gibt es eigentlich große Unterschiede zwischen Ost und West?

 

Mascha Roth: Nicht so starke, wie ich vorher erwartet hätte. Dieser Eindruck ist bestimmt nicht repräsentativ, aber im Osten denkt man vielleicht ein wenig größer, stellt eher Fragen zum Gesamtsystem, auf die man im Westen nicht mehr so kommt, wo es dann eher um lokale Verbesserungen geht. Interessant ist, woran sich die Menschen bei unserem Projekt erinnert fühlen. Im Osten sagte ein ehemaliger Bürgerrechtler, unser Vorhaben hätte ihn gleich in die Vorwende-Zeit zurückversetzt, als man sich zusammentat, über die wichtigen Zukunftsfragen unterhielt und für die Demokratie auf die Straße ging.

 

Die Tour geht jetzt noch nach Finsterwalde, Aachen, Passau und Chemnitz. In Berlin werden dann im November die gesammelten Ideen und Erkenntnisse vorgestellt. Was erhoffst du dir von den nächsten Monaten?

 

Mascha Roth: Natürlich noch viele tausende Besuchende. Und ich bin ehrlich gespannt, welche Ideen noch zusammenkommen. Toll wäre auch, wenn die Tour ein Signal in dieser oft sehr pessimistischen Zeit setzt: das öffentliche Brainstorming funktioniert. Man muss nur einen Raum dafür schaffen und überhaupt nach Ideen fragen, statt immer nur nach Problemen. Und dann wäre es natürlich gut, wenn möglichst viele der Impulse ihren Weg in die Politik finden. In Schwerin zum Beispiel haben Engagierte die Idee einer Summer School für die Stadt entwickelt, um in den Sommermonaten junge Menschen aus der ganzen Welt anzuziehen- Bei unserer Abschlussdebatte hörte sich der Bürgermeister das Konzept an. Wir sind gespannt, was sich da entwickelt.

Szene in Görlitz

Kein Bock auf Alternativlosigkeit

Inwiefern ist dieser Ideen-Fokus eine Antwort auf den aktuellen Zeitgeist?

 

Mascha Roth: Unsere ganze Tour ist Teil eines neuen Zeitgeists, der ja schon in der Luft liegt. Wie viele Jüngere haben wir als Initiative keine Lust mehr auf das ewige Gejammere, auf Erzählungen von der angeblichen Alternativlosigkeit, und schon gar nicht auf die neue Demokratiefeindlichkeit. Statt uns von der gefühlten Dauerkrise und Überforderung lähmen zu lassen, sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass wir längst viele umsetzbare Verbesserungsideen haben und ins Handeln kommen. Das zeigen auch unsere vielen lokalen Partner, die jeweils parallel zur Ausstellung Aktionen organisieren. Das sind alles Gruppen und Vereine, die längst was tun – ob beim Umweltschutz, der Nachbarschaftshilfe oder der Bildungsarbeit.

 

Was unsere Gespräche mit Blick auf den aktuellen Zeitpunkt übrigens auch zeigen: die Bewältigung von Problemen wie in der Pflege oder beim Klimaschutz ist für alle wichtig, völlig unabhängig von Herkunft oder Glaube. Auch an der persönlichen Sicherheit haben alle ein Interesse, ob ich nun in Teheran geboren bin oder in Sindelfingen. Lassen wir uns als offene Gesellschaft also nicht von denen spalten, die das professionell betreiben, um daraus politisch Kapital zu schlagen.
 

 

 

Mascha Roth leitet die Tour "Die offene Gesellschaft in Bewegung

Interview: Alexander Wragge

Du willst dabei sein? Alle Stationen der Tour und was bisher geschah, findest du hier.