Entpört Euch!

Verliert Deutschlands Debattenkultur gerade etwas Großes? Der Zeit-Journalist Jochen Bittner kritisiert den neuen Hang zu Erregungs- und Betroffenheitsdebatten. Er meint: Wir haben Besseres zu tun.

Hinweis: Der folgende Gastbeitrag von Jochen Bittner ist der zweite Teil unseres Pro & Contras zur Frage: Empören wir uns! Oder lassen wir es sein? Eine konträre Position zu Bittner nimmt Cesy Leonard ein, Aktionskünstlerin beim Zentrum für Politische Schönheit. Leonards Text kannst du hier nachlesen.  

 

Deutschlands Debattenkultur verliert gerade etwas Großes: die kleinen Unterschiede. Nuancen zählen immer weniger in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die vor allem Lautstärke belohnt. Durch diesen Fehlanreiz droht etwas für jede Demokratie Wesentliches kaputtzugehen, nämlich die Grundvermutung, dass zunächst einmal jeder Bürger und jede Bürgerin des Landes am Wohlergehen des anderen interessiert ist. Diese Vermutung weicht zunehmend dem Grundmisstrauen, jeder sei des anderen Feind.

 

In vielen öffentlich und privat ausgetragenen Debatten, ob zur Ökologie, zur Migration, zum Islam oder zum Geschlechterverhältnis, blüht die Unterstellung, die andere Seite verfolge komplett gegenläufige Ziele. Der gemeinsame Geländegewinn ist häufig gar nicht das Ziel des Streits. Stattdessen geht es um Abgrenzung und Revierausdehnung. Wozu schwierigen Konsens suchen, wenn das Abstecken des Dissenses leichter Applaus verspricht? Persönliche Angriffe zu wittern, wenn sachliche Kritik gemeint ist, stärkt die Gruppenidentität.

Rückkehr des Stammesdenkens

Früher nannte man diese antiaufklärerische Haltung Stammesdenken. Dieses Denken ist leider zurückgekehrt. Ein Beispiel: Ende November 2018 brach in Deutschland eine Debatte über den UN-Migrationspakt aus. Der Pakt verfolgt das Ziel, die Behandlung von Migranten und Migrantinnen weltweit zu verbessern, was durchaus bewirken könnte, dass sich dann weniger Menschen auf den Weg nach Europa machen würden. Der Pakt enthält aber auch einige zweifelhafte Formulierungen, aus denen erkennbar wird, dass Migration per se zu begrüßen sei und dass die Regierungen darauf hinwirken sollen, ihren Bevölkerungen diese Sichtweise schmackhaft zu machen. Zu Recht wünschten sich viele Bürger und Bürgerinnen, über den Pakt besser informiert zu werden und seine Inhalte noch einmal gründlich zu diskutieren. Als Jens Spahn, damals einer der Anwärter auf den CDU-Vorsitz, sich dieser Forderung anschloss, warf ihm die damalige SPD-Bundesjustizministerin Katarina Barley vor, die inhaltliche Nähe zu AfD, Trump und Orbán zu suchen. Statt Debatte setzte es einen Stempel. Die Zuweisung zu einem Stamm, zu einer Gruppe (vermeintlich) gleich übel Gesinnter, ersetzte das Argument.

Meine Wahrheit ist besser als deine

Immer mehr Bürger und Bürgerinnen, Politiker und Politikerinnen geben der Verlockung nach, lieber die leichten Erregungs- und Betroffenheitsdebatten zu führen, als sich in schwierige Inhaltsdiskurse zu begeben. Man könnte auch sagen, dass sich ein intellektueller Defätismus breitgemacht hat, in dem Identitätsfragen Inhaltsfragen ausstechen, nach dem Muster: Wer bist du, meine Wahrheit anzuzweifeln?!

 

Angesichts eines Berges von Problemen und angesichts der Angst, im immer größer werdenden Chor der Interessenstimmen nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, sind wir Deutschen sehr fleißig geworden im Empören – und ein wenig zu faul im Erforschen. In den sozialen Medien zeigen die Schärfe und die Kompromisslosigkeit der Auseinandersetzung bisweilen eine regelrechte Bürgerkriegsmentalität. Mit Leidenschaft geht es ums Ganze, mit Widerwillen um Details.

Gefühl klickt besser als Faktum

Denn mit der Twitter-Bühne haben sich die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie radikal verändert. Die Zahl der Menschen, die um Gehör buhlen, hat immens zugenommen. Das ist zunächst einmal gut, weil emanzipatorisch. Nicht so gut ist, dass Beachtung dadurch ein immer knapperes Gut wird, um das bisweilen mit unlauteren Mittel gerungen wird. Das neue Prinzip „Je lauter, desto klick“ führt zu einer Überbeachtung von marktschreierischen Charakteren und Krawallprofis. Leise, kluge Zwischentöne haben nicht nur eine relativ schlechtere Chance, wahrgenommen zu werden, sie gelten auch nicht mehr so viel. Stumpf ist leider Trumpf. Gefühl klickt besser als Faktum. Persönlicher Angriff erregt mehr als sachliche Auseinandersetzung.

 

Und der Kontext, das sind auch immer die Follower des Absenders; zu welchem Stamm gehört dieser oder jener Nutzer? Zum linken oder zum rechten? Zu den Merkel-Freunden oder zu den AfD-Hetzern? Der Raum zwischen den Schubladen wird immer schmaler.

Ruhig Blut

Wieso lernen wir Deutschen so wenig aus den abschreckenden Beispielen anderer Länder, in denen diese Polarisierung schon weiter fortgeschritten ist? Amerika und Großbritannien zeigen, wie tief es Länder zerreißen kann, in denen das republikanische Grundvertrauen erodiert ist, und wo Populisten es verstehen, aus dieser Spaltung Nutzen zu ziehen.

 

Noch hat Deutschland die Gelegenheit, aus den Überreaktionen und Fehlern anderer Lektionen zu ziehen. Noch haben sich viele Risse in der Berliner Republik nicht zu Brüchen ausgewachsen. Nutzen wir die Chance für ein versöhnlicheres Selbstverständnis, die darin liegt.

 

Allen Empörten sollte man schon deswegen mit Skepsis begegnen, weil Empörung oft eine Entlastungsreaktion ist; man spürt zwar die eigene Verantwortung für Fehlentwicklungen, kann sie aber auf keinen Fall eingestehen, denn das könnte zum Ausschluss aus dem Stamm der Gleichgesinnten führen. Zwecks Zugehörigkeitsbeweis wird dann lieber umso lauter auf die Gegenseite eingeschrien. Was wiederum was erzeugt? Genau. Empörung.

 

Wenn diese Gesellschaft ruhig durchatmet und etwas gründlicher in sich hineinhört, sich besser zuhört, stellt sie vielleicht fest, dass sie gar nicht so viel trennt, wie sie denkt. Also: Entpört euch! Wir haben Besseres zu tun.

 

Zur Person:

 

Jochen Bittner ist seit 19 Jahren Redakteur im Politikressort und Leiter des Ressorts Streit der ZEIT. Der promovierte Jurist war von 2007 bis 2011 Europa- und Nato-Korrespondent in Brüssel. Kürzlich veröffentlichte Bittner das Buch „Zur Sache, Deutschland: Was die zerstrittene Republik wieder eint“.

 

Hinweis: Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur kritischen und vielstimmigen Debatte aktueller Fragen der offenen Gesellschaft beitragen.

Aufstand der Ideen: Das Printmagazin

Dieser Text ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung), Sham Jaff (what happened last week) und Orry Mittenmayer (Liefern am Limit). Du kannst das Printmagazin bei uns bestellen  per Mail mit deiner Postadresse an: magazin[at]die-offene-gesellschaft.de. Gerne schicken wir dir kostenfrei ein Exemplar zu. Solange der Vorrat reicht.

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