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09.11.2017

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Maria Luisa Kotsev

Auf Tour mit Querstadtein: Berlin mit anderen Augen sehen

Wenn die Parkbank zum Schlafplatz wird und die Spree zum Kühlschrank: Ein ehemaliger Obdachloser führt durch sein Berlin. Was muss passieren, um Wohnungslose zu entstigmatisieren?

Uwe lässt seinen leicht schielenden Blick durch die rund 20-köpfige Gruppe vor ihm schweifen und nimmt dabei einen kräftigen Zug von seiner Zigarette: "Dit is keene Jeschichte aus dem Märchenbuch und keene Verfilmung, sondern dit is meene janz eigene Jeschichte." Uwe war nach der Wende sieben Jahre lang obdachlos, von 1991 bis 1998. Heute ist er einer von drei Stadtführern bei der 2013 gegründeten Organisation querstadtein und rekonstruiert für uns seine Geschichte an verschiedenen Stationen in Berlin Mitte, vorbei an wichtigen Institutionen, bekannten Sehenswürdigkeiten und schicken Restaurants.

Die Tour, die acht Wochen lang sorgfältig von Uwe und dem querstadtein-Team zusammengestellt wurde, startet am Alexanderufer. Dort, schräg gegenüber des Hamburger Bahnhofs, befand sich der Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin. "Die Mauer ist natürlich weg - ick muss sagen, für mich zum Glück.", erklärt der gebürtige Berliner, "Ick bin nämlich politischer Häftling in der DDR jewesen".

Die Parkbank als Bett, die Spree als Kühlschrank

Der zweite Grund für die Wahl des Startpunkts ist die hölzerne Parkbank, die zwischen dem Stadtführer und seiner Gruppe steht. "Bänke sind für mich eene Faszination", witzelt er, "uff die verschiedenen Holzarten kommt es an und die Anzahl der Latten, das habe ich schnell jelernt." Er wirft seine Zigarette weg, zieht seine Daunenjacke aus und legt sich auf die Bank, um die optimale, möglichst schmerzfreie Liegeposition zu demonstrieren, bei der der Beckenknochen zwischen den Latten liegen muss. Das Motto des Rundgang lautet "Draußen schlafen ist eine Kunst" - das trifft bei Uwe vor allem zu, weil er unter Platzangst leidet. "Da is es nich' immer leicht wat zu finden". Mit Pappkartons vom Gemüsehändler bastle man sich eine gute Isolation, die Matte mit dem Schlafsack drauf, dann ginge es. Noch besser: Man hat Decken, die man sich um die Beine wickeln kann, um die Nieren zu schützen. Aber der Alkohol hielt ihn ohnehin warm - er war jahrelang abhängig, wie er ganz offen zugibt. Uwe schildert seine Geschichte sehr abgeklärt, geradezu distanziert. Die Prise Humor, die immer mitschwingt, bestärkt den Eindruck nur noch mehr.

Schon seine Kindheit sei in der Schule von Verboten geprägt gewesen, als Linkshänder musste er die damals gängigen, brutalen Umerziehungsmaßnahmen über sich ergehen lassen, aus dem Fußballverein wurde er wegen mangelnder schulischer Leistungen rausgeschmissen. "Also habe ick vor allem mit Abwesenheit jeglänzt.", erzählt er auf dem Campus der Charité, der nächsten Station. Hier schlief er mit seinen Freunden öfters heimlich, als auf dem Gelände noch kein Wachschutz patrouillierte.

"Ick hab dit allet so jewollt."

Uwe, war für sieben Jahre obdachlos und führt heute Touren durch sein Berlin von damals

Mit 18 Jahren musste Uwe seine erste sechsmonatige Haftstrafe wegen Betreten des Grenzgebiets verbüßen, es folgten weitere wegen schwerer Körperverletzung - eine Auseinandersetzung mit einem Kellner. Auch verweigerte Arbeitsplatzbindung und schließlich die gescheiterten Flucht aus der DDR bescherten ihm weitere Jahre im Gefängnis. Nach seiner letzten Freiheitsstrafe wurde ein fünfjähriges "Berlinverbot" über ihn verhängt, das er in Eisenhüttenstadt - oder "Blechcity", wie er die Stahlproduktionsstadt nennt, verbrachte. 1991 kehrte er aus seinem Exil nach Berlin zurück, auf Hilfe von der Familie wollte er nicht angewiesen sein, also schlief er auf der Straße. Dass diese für sieben Jahre sein zu Hause sein würde, habe Uwe so nicht geplant. Doch dann lernte er seine drei engsten Freunde, Fisch, Kettenrudi und Tankstellendieter, kennen und blieb mit ihnen auf der Straße wohnen. "Ick hab dit allet so jewollt, für allet steh' ick mit meenem Namen".

Auf die betroffenen Blicke, die ihm von seinen gebannten Zuhörern zugeworfen werden, reagiert er mit einem lockeren Spruch: "Wat kiekt ihr denn so traurig? Aber ick habe ja Taschentücher dabei". Auch wenn niemand ein Taschentuch braucht, die Empathie und das Mitgefühl liegen regelrecht in der Luft. Es kommen Fragen auf, Fragen, die auf die individuelle Geschichte hinter dem Etikett "obdachlos" abzielen. Warum wollte er keine Unterstützung von seiner Familie? Entwickelt man in solch einer Situation nicht einen Hass auf die Gesellschaft?

Querstadtein möchte für diese Schicksale sensibilisieren und den Austausch mit (ehemals) Obdachlosen ermöglichen, weg vom "Stereotyp-Obdachlosen". Und auch wenn Uwes Erfahrungen bereits eine Weile zurückliegen, die Problematik ist eine aktuelle. Obwohl keine offiziellen Zahlen über Wohnungs- und Obdachlosigkeit erhoben werden, ergeben Schätzungen eine stetig wachsende Tendenz. Wir begegnen ihnen ständig, ob auf dem Weg zur Arbeit, in der Bahn, auf der Straße, kommt es selten zu einer Begegnung auf Augenhöhe, stattdessen wird stigmatisiert.

Die Touren von Querstadtein brechen mit Stereotypen

"Wohnungslose sind schon immer eine Gruppe gewesen, über die sich viele Vorurteile gesammelt haben.", erklärt Prof. Dr. Susanne Gerull, sie lehrt Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. "Auch in der heutigen Gesellschaft gibt es eine Reihe ausgegrenzter Gruppen, die wie sichtbar Wohnungslose, die Opfer von ‚gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit' werden". Die folgt einem simplen Prinzip: "Es werden eine Reihe von Charaktermerkmalen auf eine Gruppe projiziert, die als homogen wahrgenommen wird. Bei Wohnungslosen wird da etwa gesagt, sie seien alle arbeitsscheu oder suchtkrank. Durch diese Zuschreibung passiert im nächsten Schritt also eine Abwertung der kompletten Gruppe. Wenn man sich aber mal die Geschichte hinter einer einzelnen Person ansieht, passt diese Zuschreibung vielleicht plötzlich nicht mehr." Und genau diesen Effekt, Stereotype aufzubrechen, haben die Touren von querstadtein, erklärt Prof. Dr. Gerull: "Es ist ein ganz tolles Format. Selbst meine Studierenden, die sich zuvor ausführlich mit dem Thema Wohnungslosigkeit beschäftigt haben, waren sehr angerührt, so eine Geschichte zu hören. Und dass sie jemand erzählt, erkenne ich unglaublich hoch an, denn die Geschichte ist nicht immer schön."

So auch Uwes Geschichte. Er führt uns weiter über den Schiffbauer Damm, die Spree entlang, die an diesem trüben Tag einer dunkelgrauen Masse gleicht. Sie hielt für Uwe gerne mal als Kühlschrank für das Bier her. Das grüne Netz, mit dem er die Flaschen ins Wasser baumeln ließ, besitzt er immer noch, er hat es ziemlich oft geflickt. Heute ist es lediglich ein Relikt aus einem früheren Leben, eine Erinnerung an sieben Jahre des Alkoholismus, bevor Uwe endlich den Entzug startete. Heute gönnt er sich lediglich mal ein Alkoholfreies: "Ick hab mir eene kreisrunde Logik jebaut. Ick kann nich' trinken, weil ick nich' will und ick will nich' trinken, weil ick nich' kann. Da jibt's keene Alternative". Auch körperlich ist die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen, seine Liste an Krankheiten ist lang. Aber das sei nun mal so, bekundet Uwe schulterzuckend. Seit nun 17 Jahren wohnt er trotz Platzangst in einer eigenen Wohnung, eine Entscheidung, für die er rund ein Jahr gebraucht hat. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit Harz IV und einer politischen Rente, die er als Entschädigung für die Haft in der DDR erhält.

"Zuerst ist es wichtig, dass jeder einzelne Respekt zeigt und Wohnungslose nicht mit Verachtung straft."

Aber was muss sich in der Gesellschaft ändern, um die Stigmatisierung von Wohnungslosen zu vermeiden? Susanne Gerull appelliert dabei an jeden Einzelnen: "Zuerst ist es wichtig, dass jeder einzelne Respekt zeigt und Wohnungslose nicht mit Verachtung straft." Im nächsten Schritt sei es aber eine klar staatliche Aufgabe, zu helfen. "Es gibt nicht genügend Unterkünfte, jeden Tag wird dadurch Recht gebrochen, wenn Menschen von den Sozialämtern weggeschickt werden." Aber auch das sei letztendlich nur ein Schrauben an den Symptomen. "Nach UN-Recht haben alle ein Recht auf eine Wohnung, Deutschland hat das unterschrieben, aber nicht ratifiziert. In dem Augenblick, ab dem es Wohnraum für alle gibt, ist Wohnungslosigkeit bekämpft - aber da ist eine staatliche Steuerung und Lenkung erforderlich. Andere Länder, z.B. in Skandinavien oder Kanada, sind uns da schon weit voraus: durch sogenannte 'Housing First'-Programme werden Betroffene sofort in Wohnraum vermittelt, sie haben das Recht auf eine Wohnung mit Mietvertrag." Wieso es das in Deutschland nicht gibt? - das wüsste Prof. Dr. Gerull auch gerne.

Am Alexanderplatz endet Uwes Tour und damit auch die Geschichte über sein altes Leben. Er habe damit abgeschlossen, heute gehe es ihm gut, sagt er. Seine Gruppe ist immer noch gerührt, viele nehmen sich anschließend kurz Zeit, um sich zu verabschieden und zu bedanken. Uwe freut sich sichtlich über die herzlich-wohlwollende Rückmeldung, seine nächste Führung ist schon übernächsten Sonntag.

 

Zur Autorin:

Maria Kotsev ist Bloggerin und freie Autorin. Neben ihres Sozialwissenschaftsstudiums an der Humboldt-Universität schreibt sie für ihren Blog post-ironisch und das Stadtleben im Tagesspiegel Checkpoint.

 

 

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