Artikel
|
15.02.2018

|
Harald Welzer

Dafür ist das neue Dagegen

„Wir sind die mit der Verantwortung.“ Unser Mitbegründer Harald Welzer fordert Bürgerinnen und Bürger, NGOs und Stiftungen auf, noch deutlicher für eine offene Gesellschaft einzutreten. Die liberale Demokratie sei die Vorraussetzung dafür, die Welt besser zu machen.

Die politische und damit die öffentliche Kultur befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderung. Die Direktmedien wie die sogenannten Sozialen Netzwerke bilden ein einflussreiches Organ der Dauererregten, was sich bereits in Wahlkämpfen, etwa in den USA und in Österreich, niedergeschlagen hat. Die Leitmedien werden auf seltsame und ganz unnötige Weise gegenaufklärerisch, indem eine geradezu unerklärliche Einigung auf jeweils wichtige und kurzzeitig intensiv debattierte, dann aber ebenso schnell vergessene Themen zu verzeichnen ist. So wurde zum Beispiel nach dem G20-Gipfel in Hamburg intensiv auf allen Kanälen (und historisch falsch) die angeblich so noch nie in Erscheinung getretene linke Gewalt diskutiert, während die eigentliche Problematik gerade dieses Gipfels völlig in den Hintergrund trat.

So wie die Politik seither mit sich selbst und nichts anderem beschäftigt ist, sind die Medien mit der sich mit sich selbst beschäftigenden Politik beschäftigt. Und leider kaum mehr mit etwas anderem.

Das ist besonders in Zeiten ein Problem, in denen die Demokratie von vielen Seiten angegriffen wird. Wir verzeichnen global betrachtet einen Rückgang der Demokratien, erleben den Aufstieg von Autokraten und Diktatoren, sehen überall separatistische Bewegungen und neurechte Parteien und Gruppierungen an Einfluss gewinnen. Was sind die Gegenkräfte, wenn Demokratien angegriffen werden? In historischer Perspektive ist diese Frage zentral, weil Demokratien – wie die Weimarer – nicht an zu vielen Feinden, sondern an zu wenigen Freunden zugrunde gehen. Denn die Demokratie ist eine Gesellschaftsform, die einer aktiven Zivilgesellschaft bedarf, die besonders in unruhigen Zeiten für das Einhalten der politischen, sozialen und kulturellen Standards eintritt und sie verteidigt.

Den Leuten sagen, was dieser Gesellschaftstyp leistet

Gegenkräfte, so lehrt die Geschichte, sind selten dort, wo man sie vermutet: Akademiker und Akademikerinnen und Intellektuelle haben sich – man lese nur Stefan Zweig, Victor Klemperer oder Sebastian Haffner – in breitester Mehrheit als so wendig erwiesen, dass die meisten anderen den Wind noch gar nicht spürten, in den sie schon ihre Mäntelchen hängten. Die Medien, die sich selbst ja gern als „vierte Gewalt“ betrachten, betrieben und betreiben die Meinungsbildung ebenfalls gern im vorausschauenden Gehorsam – ich habe unlängst einen dummdreisten NDR-Programmdirektor erlebt, der dem geneigten Publikum mitteilen zu müssen glaubte, dass er die Verpflichtung habe, allen gesellschaftlichen Stimmen zum Ausdruck zu verhelfen, eben auch Vertretern neurechter Gesinnung, mithin den Feinden des Grundgesetzes. Und der Chef von ARD-aktuell, Kai Gniffke, war ja auch schnellst dabei, der AfD die Adjektive abzunehmen und sie zur „ganz normalen Partei“ zu erklären. Und die Wirtschaft: konstitutionell opportunistisch; daher auch ihre permanente Rede von den „Rahmenbedingungen“, die ihnen staatlich zur Verfügung gestellt werden und in denen sie handelt, so oder so halt.

Dies alles ist vor dem Hintergrund von Karl Poppers klassischem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ betrüblich, letztlich aber nicht mehr als die entschiedene Aufforderung, dass dann eben alle anderen für die offene Gesellschaft eintreten müssen. Betonung auf „für“. Denn zunächst muss den Leuten wieder mitgeteilt werden, welche Verdienste dieser Typ von Gesellschaft erworben hat – zum Beispiel 70 Jahre Frieden, höchster Lebensstandard, höchste Lebenssicherheit, Freiheit, hohes Bildungsniveau und so weiter und sofort. Ich empfehle allen Zweiflern an den Segnungen der modernen Gesellschaft statt der routinemäßigen Kreuzfahrt ein paar Studienaufenthalte in Ghana, Usbekistan oder Bolivien.

Die ruhigen Zeiten sind vorbei

Dem ewigen, nur durch Übersättigung und Denkfaulheit zu erklärenden „Dagegen“ muss das entschiedene „Dafür“ entgegengesetzt werden, damit überhaupt die Voraussetzungen und Bedingungen unseres Wohlergehens und unserer Freiheit wieder deutlich werden. Was wiederum die Voraussetzung dafür ist, darüber zu sprechen, was in diesem Rahmen besser werden kann und muss. Und da fallen mir deutlich andere Dinge ein, als die beiden Monothemen Sicherheit und Flüchtlinge. Zum Beispiel Bildungsungleichheit, soziale Ungleichheit, das Kaputtsparen öffentlicher Einrichtungen inklusive Schulen, die Fast-Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus, die obszöne Bevorteilung der Automobilwirtschaft, die nachgerade kriminelle Vernachlässigung des Klimaschutzes und noch vieles mehr. Aber alles dieses lässt sich nur abschaffen oder verbessern, solange wir eine rechtsstaatlich verfasste liberale Demokratie haben. Oder würden Sie versuchen, die Welt zu verbessern, wenn Sie in der Türkei oder in China leben würden?

Sehen Sie. Und genau deshalb ist es unsere Aufgabe, als Stiftungen, als NGOs, als ganz normale Bürgerinnen und Bürger dafür zu sorgen, dass der Laden nicht den Bach runtergeht. Demokratie braucht Gelegenheiten der Vergemeinschaftung, Orte und Räume, an denen Menschen zusammenkommen und miteinander debattieren können. Helga Breuninger geht da mit eindrucksvollen Initiativen voran, indem sie Orte und Räume zu den Kernanliegen ihrer Stiftungsarbeit gemacht hat. Demokratie braucht Gegenöffentlichkeit – also Veranstaltungen, Treffen, Bündnisse, Zeitschriften, Internetfernsehen, in denen eine lebendige Zivilgesellschaft sich austauschen, debattieren, Pläne schmieden und verwerfen kann.

Genau in diesem Sinn, meine ich, müssen sich die Stiftungen mehr als bisher auch als gesellschaftspolitische Akteure, als Freunde der Offenen Gesellschaft, verstehen und profilieren. Die ruhigen Zeiten sind vorbei. Wir müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass diese Amplitude des Autoritarismus, der Dauererregung und des fallweisen Elitenversagens sich wieder abflacht und wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder in ein ruhigeres, zivilisierteres demokratisches Fahrwasser kommen können. Sagen wir es so: Wir sind die mit der Verantwortung, also nehmen wir uns ernst.

Zum Autor:

Harald WelzerHarald Welzer ist Soziologe, Buchautor und Gründer der Stiftung Futurzwei, die sich für eine zukunftsfähige und enkeltaugliche Gesellschaft einsetzt. Welzer ist Mitbegründer und Vorstand der Initiative Offene Gesellschaft. Dieser Text erschien zunächst in NOOKEE 03/2018, Magazin der Breuninger Stiftungsgruppe für soziale Innovationen und Placemaking.

Titelbild: Ausschnitt aus dem Poster "Freiheit" von Justine Ohlhöft, das es hier als PDF zum Herunterladen gibt.

 

 

 

 

Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können