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03.08.2017

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Hannes Weisbecker

Das Insel-Experiment

100 Überlebende eines Flugzeugabsturzes müssen klären, wie sie klarkommen. Hannes Weisbecker (Unsere Zeit) hat sich das mal vorgestellt. Sein Ergebnis: Wer Politik todlangweilig findet, muss unbedingt wählen gehen.

In letzter Zeit bin ich öfter mal angeeckt. Ich bin der Meinung, dass jede/r Einzelne die Pflicht hat, wählen zu gehen. Und um das tun zu können, muss jede/r mindestens einmal die Woche die Nachrichten schauen. Das hat viele Leute auf die Palme gebracht: Das könnte ich doch nicht verlangen. Es gäbe einfach Menschen, die sich nicht für Politik interessierten und lieber in ihrem eigenen kleinen Kosmos leben wollten. Doch gerade diese Menschen müssen wählen gehen! Politikverdrossenheit als Verpflichtung? Ganz genau.

Doch fangen wir von vorne an. Am besten nähern wir uns der Sache mit einem Beispiel frei nach William Golding und seinem Roman Herr der Fliegen.

Flugzeugabsturz, Überlebende, Lagerfeuer ...

Stell dir vor, wir sitzen zusammen mit 98 weiteren Passagieren in einem Flugzeug. Das Flugzeug wird von pro-russischen Rebellen abgeschossen, doch wie durch ein Wunder überleben wir alle und können uns auf eine einsame Insel retten. Glücklicherweise gibt es auf dieser Insel einen sauberen Fluss, Früchte zum Sammeln und Wild zum Jagen. Mit der Zeit verarbeiten wir den Schock und uns wird klar, dass eine Rettung unwahrscheinlich ist. Wir müssen uns nun also organisieren. Wir bauen für jede/n eine Hütte, die Starken unter uns gehen jagen, die anderen kümmern sich um Wasser, Ernte etc. Doch mit der Zeit wird uns bewusst, dass wir nicht jede Entscheidung einfach ausdiskutieren können oder der Lauteste einfach bestimmen sollte. Wir treffen uns also mit allen 100 Überlebenden am Lagerfeuer unseres kleinen Dorfes und besprechen, wie wir uns in Zukunft organisieren wollen.

Wir beschließen, einen Dorfvorsitzenden frei zu wählen. Dieser darf wiederum andere Bewohner/innen bestimmen, die sich um bestimmte Themen kümmern, und hat selbst immer das letzte Wort. Einer bekommt den Auftrag, das Jagen zu überwachen, ein anderer ist Wasserbeauftragter und so weiter. Nach 100 Tagen treffen wir uns wieder alle am Lagerfeuer, es gibt Gesprächsbedarf. Es haben sich drei Themen angesammelt, die die Gemüter haben überkochen lassen und mit deren Schlichtung die „Beauftragten“ überfordert waren.

Es gibt Streit!

Eine Frau aus unserer Gruppe ist unzufrieden: Sie will auch mit zum Jagen. Der Jagdbeauftragte lässt sie aber nicht, er wählt immer nur Männer aus, weil er der Meinung ist, diese seien besser geeignet. Es wird darüber diskutiert, ob der Jagdbeauftragte in seiner Neunergruppe bei gleicher Eignung immer mindestens drei Frauen dabeihaben muss. Die Diskussion ist hitzig.

Ein anderer Mann hat sich beschwert: Er bekommt viel weniger von den Essensrationen als alle anderen, außerdem hat er die kleinste Hütte. Er und seine schwangere Frau können sich und ihr Kind nicht von der Ration ernähren, die er für seine Arbeit als Lagerfeueraufpasser bekommt (wir haben uns zuvor geeinigt, dass nur diejenigen Essen bekommen, die auch etwas beitragen). Er beantragt, dass ein Minimum an Essen an alle ausgeteilt wird, und zwar mehr, als er jetzt bekommt. Andere argumentieren, dass dann niemand mehr arbeiten würde und die ganze Gemeinschaft bald kein Essen mehr hätte. Die Diskussion ist hitzig.

Eine Insel weiter ist vor einer Woche ein weiteres Flugzeug abgestürzt. Dort haben zehn Menschen überlebt, einer ist zu uns herübergeschwommen. Er fragt, ob wir ihm helfen können und ob die anderen neun auch kommen dürften – auf ihrer Insel wüchsen nämlich keine Früchte und auch das Wasser sei nicht sauber. Manche möchten dem Mann Obhut geben, andere wehren sich strikt, mit dem Argument, wir hätten doch schon nicht genug für uns. Die Diskussion ist hitzig.

Wer das hier liest, hat sich wahrscheinlich schon eine Meinung zu diesen drei Problemen gebildet. Und es wird nur wenige überraschen, wenn ich an dieser Stelle sage, dass diese Dinge absolut real sind und so oder so ähnlich gerade in unserer Gesellschaft diskutiert werden.

Politik ist (k)eine Insel

Dieses Beispiel erklärt, was Politik ist. Politik ist der Streit darüber, wie wir miteinander leben möchten. Welchen Regeln möchten wir uns unterwerfen und wie soll unsere Gesellschaft aussehen? Die Grundidee der Demokratie war, diesen Streit zu vereinfachen: Wir können nicht mit 81 Millionen Menschen in Deutschland diskutieren, also wählen wir ein paar wenige. Doch heute ist noch ein entscheidender Faktor hinzugekommen: Die Welt ist kompliziert geworden. Wir verstehen nicht mehr alles um uns herum, die Probleme sind zu komplex. Ein Inselbeispiel reicht nicht mehr aus, um die Komplexität einer Finanzkrise zu erklären, und sich eine Meinung zu bilden ist noch schwieriger. Ich habe ein Vollzeitstudium, andere einen Job und/oder eine Familie. Das alles kostet Zeit. Ich kann mich nicht noch in Finanzwirtschaft einlesen, um persönlich daran mitzuwirken, ein neues Finanzsystem zu bauen. Deshalb geben wir unsere Stimme ab an jemanden, der Zeit dazu hat, sich intensiv mit einer Thematik zu befassen. An jemanden, der Zeit hat, sich von Experten und Expertinnen beraten zu lassen und sich mit allen Interessensgruppen auszutauschen. Dieser jemand bestimmt dann für mich. Dies steht auch im Gegensatz zur direkten Demokratie, in der die Bürger/innen Entscheidungen treffen müssen, deren Tragweite sie in der Regel gar nicht abschätzen können, weil ihnen die Zeit dazu fehlt, sich intensiv mit der Thematik zu befassen.

Hiermit kommen wir wieder zurück zur Ausgangsthese: Je weniger Du Dich für Politik interessierst, desto mehr bist Du dazu verpflichtet, zu wählen.

Verdrossen? Verpflichtet!

Beim Rettungsschirm denkst Du an Regen? Isis ist eine ägyptische Göttin für Dich? Du hast gedacht, Hedgefonds hätten etwas mit „hätscheln“ zu tun? Kein Problem. Niemand verlangt von Dir, dass Du Dich in der Welt auskennst. Geh zu Deinem Job, komm danach nach Hause und spiel Playstation oder bring Deine Kinder ins Bett. Solange du damit glücklich bist, sei Dir fast alles gestattet. Doch irgendjemand muss diese wichtigen Entscheidungen da draußen in der Welt treffen.

Die demokratische Idee gibt jedem Bürger eine Stimme, sie gibt jedem das Recht, mitzuentscheiden. Auf unserer kleinen Insel darfst Du also mitentscheiden. Wenn Du Dich aber nur in deiner Hütte versteckst, wirfst Du Dein Mitspracherecht weg. Deine Stimme wird aber gebraucht, um den Entscheidungen der Gemeinschaft Legitimität zu verleihen. Es ist also Deine Pflicht, Deine Stimme jemandem zu geben, wenn Du sie selber nicht nutzt. Je mehr Dich das alles nicht interessiert, desto mehr bist Du in der Pflicht, jemanden zu wählen, der das tut.

Natürlich muss ich dazu wissen, wer sich da draußen um meine Stimme bewirbt, also muss jede/r sich mit den Nachrichten befassen, um zu wissen, wofür die Bewerber/innen stehen. Nichts anderes sind Politiker/innen: Bewerber/innen! Sie bewerben sich darum, Dir Die Last der Entscheidung abzunehmen. Die Last einer Entscheidung sind deren Konsequenzen und die Notwendigkeit, sich mit möglichen Konsequenzen auseinanderzusetzen. Alle Jahre wieder stellen sich Männer und Frauen hin und möchten, dass Du ihnen die Last der Entscheidung überträgst. Also nutze das. Mach, was immer Du willst, aber auf unserer kleinen Insel muss nun mal darüber gesprochen werden, wie wir uns organisieren wollen und wie unser Leben gestaltet werden soll – ob Du willst oder nicht. Politikverdrossenheit als Verpflichtung, heute mehr denn je.

Hannes WeisbeckerZum Autor: Hannes Weisbecker, 25, hat an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen einen Bachelor in Sociology, Politics & Economics gemacht und beginnt im Herbst 2017 den Masterstudiengang Conflict Studies an der London School of Economics. Im Fokus seiner bisherigen Arbeiten steht der Begriff der Sicherheit, die Frage nach Zukunftsperspektiven und die Partizipation.

Über Unsere Zeit: Weisbecker engagiert sich bei Unsere Zeit, einem offenen Netzwerk junger Menschen,
das gemeinsam Phänomene der Gegenwart analysiert, sowie neue Konzepte und Lösungsvorschläge entwirft. Das Netzwerk will seine gewonnenen Positionen nutzen, "wenn es darum geht, unsere Zeit gemeinsam zu verändern". Dieser Text erschien erstmals im Unsere-Zeit-Magazin am 7. Dezember 2016 unter dem Titel: "Warum Wählen Pflicht ist".

Mehr: unserezeit.eu

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Titelfoto: Neupaddy (Pixabay)

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