Aufruf
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12.09.2018

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Stefan Wegner

Der 12. September - ein Feiertag für die Menschlichkeit

Am 12. September 2015 wurde in Deutschland die Willkommenskultur geboren. Warum feiern wir nicht die Erinnerung an dieses überwältigende Zeichen der Menschlichkeit? Ein Aufruf unseres Mitbegründers Stefan Wegner.

Heute vor drei Jahren begrüßten die Münchnerinnen und Münchner mit einer überwältigenden Hilfsbereitschaft 12.000 Flüchtlinge am Hauptbahnhof der Stadt. Die Bilder gingen um die Welt und die Willkommenskultur war geboren.

Die Dankbarkeit und die Erleichterung der syrischen Ankömmlinge waren riesig und genauso groß war die Leistung der vielen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern in den kommenden Tagen und Monaten. Es war ein zweites Spätsommermärchen. Die Deutschen waren, wie damals zur Fußball-WM 2006, von sich selbst überrumpelt. Sie zeigten der Welt das Bild eines anderen Deutschlands. Nicht steif, sondern lebensfroh. Nicht pessimistisch, sondern optimistisch. Nicht fremdenfeindlich, sondern menschenfreundlich.

Das ist jetzt drei Jahre her. Inzwischen tut sich mancher schwer, das Wort „Willkommenskultur“ in den Mund zu nehmen oder mit Begeisterung darüber zu sprechen. Warum eigentlich? Auf das, was damals geleistet wurde, sollten alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes für immer stolz sein. Und für immer daran erinnern. Das gilt ungeachtet aller Probleme, die es mit der Integration von Flüchtlingen gibt oder auch mit den sich daran weidenden Rechtspopulisten.

Eine Gesellschaft braucht Momente und Symbole des Zusammenhalts, in denen ihre gemeinsamen Werte sichtbar werden, so strahlend und zeitlos wie die Sonne am Himmel. Der Fall der Mauer am 9. November 1989 war so ein Augenblick der Geschichte, der sich auf immer positiv in unser kollektives Gedächtnis eingeprägt hat – ungeachtet aller Herausforderungen, vor die uns die Wiedervereinigung stellte.

Der 12. September 2015 in München war auch so ein Moment. Auch hier hat ein Volk sein Herz gezeigt und bewiesen, dass die Würde des Menschen nicht nur im Grundgesetz steht, sondern auf der Straße und am Bahnhof verteidigt wird.

Nutzen wir den 12. September, um allen Menschen in Deutschland DANKE zu sagen für ihre Hilfsbereitschaft. Für jede Kiste mit Kleidern und Spielzeug, für jeden Kochdienst in der Notunterkunft, für jeden Sprachkurs in den Willkommensklassen, für jede Zeltunterkunft, für jedes Gespräch und für jede Hand, die gereicht wurde.

Und wenn die Politiker in vielen Bundesländern darüber nachdenken, welchen zusätzlichen gesetzlichen Feiertag sie einführen könnten: Ich hätte da eine Idee. Machen wir den 12. September zu einem Feiertag für die Mitmenschlichkeit.

Zum Autor

Stefan WegnerStefan Wegner ist Geschäftsführer bei Scholz & Friends Berlin und Mitbegründer der Initiative Offene Gesellschaft. 

Titelfoto: Willkommenskultur am Hauptbahnhof in München, (c) David Speyer / Reflektierter Bengel.de

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