Post von Freunden
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17.07.2017

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Reinhard Kahl

Die Schönheit der Biographien

Am Anfang stand eine Absage. Dann entwickelte sich Unerwartetes. Reinhard Kahl beschreibt eine überraschend offene Tafel-Runde im Wendland und ihre Entdeckung: den Kollateralnutzen.

Am 17. Juni wollten auch wir der Initiative zum Tag der offenen Gesellschaft folgen: Tische raus. Ein Zeichen setzen. Reden, debattieren und die Demokratie feiern. Musizieren und singen. Mit Freunden und Fremden. Und natürlich essen und trinken. Das wollten wir mit unserem diesjährigen Sommerfest verbinden – wenn schon, denn schon: Also eine Einladung an die Freunde in Hamburg und an die aus dem Wendland, auch an Nachbarn und Interessierte aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort wohnen wir - abwechselnd mit Hamburg, auf dem Höhbeck. Ein schöner Ort.

Aber das Wetter kam dazwischen. Über Tage blieb für den 17. Juni die Vorhersage: Wind, Regen und höchstens 17 Grad. Dabei erwarteten wir mindestens 70 Gäste, wahrscheinlich mehr, wir wollten ja offen sein, wollten eine große Tafel! Aber fröstelnd im Wind und womöglich im Regen sitzen? In sich verkrochen die offene Gesellschaft proben? Eher nicht. Wir sagten ab. Einige wollten dennoch. Das war kein Problem, weil wir mit weniger Leuten auch in die Scheune oder ins Haus gehen konnten.

Das Glück nach der Ungewissheit

So kam es zu einer ganz besonderen Mischung (übrigens doch noch bei 23 Grad am Abend): 20 Menschen, die sich zum Teil kannten und zum Teil nicht. Zwischen Vertrauten und Fremden entstand ein Gespräch ganz seltener Art, ein ganz besonderes Reden und Zuhören. Jeder erzählte seine Geschichte. Das macht man unter Freunden nicht. Man meint sich ja zu kennen. Und unter Fremden macht man das schon gar nicht, weil man sich eben nicht kennt. Dann gibt es in beiden Fällen gewöhnlich Smalltalk und Geschichtchen.

Alle, die sich danach bei uns meldeten – und das waren ungewöhnlich viele – schwärmten von der Heiterkeit, Schönheit und Wachheit der Tafelrunde. Die Worte geraten dann leicht zu groß. Jedenfalls ging der Abend uns nicht aus dem Kopf – und den anderen auch nicht.

Denn sicht- und hörbar wurden am 17. Juni die Schönheit und Würde von Individuen. Die nicht reduzierbare Einmaligkeit einer jeden Biographie. Zum Beispiel die eines Musikwissenschaftlers aus Berlin. Als seine Arbeit in der Akademie der Wissenschaften der DDR in den 90ern abgewickelt wurde, sattelte er um und ist jetzt Yogalehrer. Meist ist er in Berlin, zuweilen reist er auch durchs Land. An jenem Wochenende war er auf dem Weg zu einem mehrtägigen Seminar auf der Burg Lenzen, gleich auf der anderen Seite der Elbe. Er erzählte, wie das Umsatteln nach heiß-kalter Ungewissheit in den 90ern am Ende zum Vorteil wurde. Eine Art Kollateralnutzen. Den konnten wir an diesem Abend mehrmals ausmachen.

Der ehemalige Amtsleiter einer Behörde in Hamburg lebt nun ganz im Wendland. Er hat mit seiner Frau das Projekt „Mitfahrbänke“ erfunden. Es wird gerade realisiert. Sie beobachteten, was jedem im Wendland auffällt: Die Busse sind meistens leer – außer frühmorgens und am Nachmittag, dann sind sie voller Schüler. Die Busse fahren zu selten, als dass man auf's Auto verzichten könnte – aber dafür, dass sie meistens leer sind, fahren sie zu häufig. Nun werden an Bushaltestellen „Mitfahrbänke“ aufgestellt. Daneben wird eine Konstruktion mit Klappschildern angebracht, auf denen die Ziele stehen: Gartow, Lüchow, Dannenberg. Eine App ist in Arbeit. Denn wer eine Mitfahrt im Auto, etwa zum Bahnhof nach Wittenberge braucht, von wo man schnell nach Hamburg kommt und noch schneller in Berlin ist, der braucht natürlich eine verlässliche Verabredung. Uns war bald klar, dass diese praktische Idee soziale Nebenwirkungen haben wird, die sich als die Hauptsache herausstellen könnten. Leute reden miteinander. Sie kommen ins Gespräch und lernen sich kennen. Denn nicht nur die Busse sind leer. Auf den Straßen in den Dörfern sieht man fast niemanden zu Fuß. Nicht anders sieht es in Lüchow, Schnackenburg oder Dannenberg aus. Wohnen hier überhaupt Menschen?

Mal sehen, was aus dem „Mitfahrbänke“- Projekt wird. Es ist ja eigentlich wieder mal nichts anderes ist als die Verwirklichung von Selbstverständlichem, das allerdings gar nicht selbstverständlich ist.

Die Gesellschaft immer wieder öffnen ...

Unterbrochen von Suppe, Vorspeise, Hauptspeise und einem wunderbaren Nachtisch, einer Zitronensuppe, die ein Höhbeck-Bewohner nach dem Rezept seiner Mutter zubereitet hatte, ging es weiter mit den Geschichten: Ein ehemaliger Ressortleiter und stellvertretender STERN-Chefredakteur musste gehen, nachdem er sich mit dem Chef verkracht hatte. Er wusste erst mal nicht, ob und wie ein Leben ohne den STERN möglich sein sollte. Nun konnte man ihm ansehen, was für ein glücklicher Buchautor er geworden ist. Zweimal die Woche morgens um sechs trifft er sich mit Freunden und rudert auf der Alster. Von Jahr zu Jahr ist er jünger geworden.

Das sind Ausschnitte eines wunderbaren Abends. Wir sind auf den Geschmack gekommen, wollen solche Abende wiederholen und die Tafel mit Freunden und Fremden empfehlen. Vorgenommen haben wir uns an diesem Abend, dass es am 17. Juni 2018 oder an einem anderen Tag in Sonnenwendnähe nächstes Jahr im Wendland wenigstens 100 Tafeln geben wird. Mit dem Probesitzen fangen wir bald an.

Eine gute Fügung also, dass wir die große Tafel abgesagt hatten und dass es zur kleineren Tafel und zum Austausch von Geschichten kam. Über den Kollateralnutzen haben wir noch länger gesprochen: Ihn in den Blick zu bekommen, könnte helfen, die Gesellschaft offen zu halten und immer wieder zu öffnen.

Zum Autor
Reinhard Kahl ist Journalist, Autor und Filmemacher. Kahl gründete das Netzwerk der Schulerneuerer und Lernaufwiegler „Archiv der Zukunft“. Im Zentrum seiner Arbeit stehen die Lust am Denken und Lernen, die Zumutung belehrt zu werden und die endlosen Dramen des Erwachsenwerdens.

Hinweis: Dieser Text erschien zunächst in längerer Fassung auf Reinhard Kahls Webseite. Auch wendland-net.de berichtet über Kahls Tafel. Alle Interessierten sind eingeladen, uns ihre Eindrücke und Geschichten rund um den ersten Tag der offenen Gesellschaft zu schicken, und zwar an freunde@die-offene-gesellschaft.de.

Titelfoto: Gerhard Ziegler

 

 

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