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09.01.2019

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Katja Urbatsch

Die Uni darf keine geschlossene Gesellschaft sein

Zu einer wirklich offenen Gesellschaft gehören gleiche Bildungschancen für alle. Doch davon ist Deutschland weit entfernt. Menschen, die nicht aus Akademikerfamilien stammen, studieren sehr viel seltener. Katja Urbatsch beschreibt, wie sie das mit ihrer Initiative ArbeiterKind.de ändern will.

Ich bin die erste in meiner Familie, die einen Hochschulabschluss erreicht hat. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung: Bildung ist ein hohes Gut. Der Zugang zu höherer Bildung bedeutet die Chance auf Aufstieg, Teilhabe, und nicht zuletzt auf einen erfüllenden Lebensweg. Und Deutschland braucht Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass wir in naher Zukunft viel mehr Fachkräfte brauchen werden.

Vor fast zwanzig Jahren zeigte sich die Öffentlichkeit schockiert darüber, wie unterdurchschnittlich Schülerinnen und Schüler hierzulande bei der Pisa-Studie der OECD abschnitten. Noch gravierender war aber die Erkenntnis, dass in keinem anderen vergleichbaren Land die Leistungen so stark an die familiäre Herkunft gekoppelt waren wie in unserem.

Damals wurde in Deutschland eine breite Bildungsdiskussion losgetreten. Zahlreiche Reformen wurden auf den Weg gebracht. Aber an dem Prinzip "Die Herkunft bestimmt die Bildung" hat sich leider nichts geändert. Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen statistisch gesehen 79 ein Hochschulstudium. Aus Nicht-Akademikerfamilien gehen 27 von 100 Kindern studieren. Dies sind die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zur Hochschulbeteiligung in Deutschland, die im Mai 2018 veröffentlicht wurde.

Angst vor dem Unbekannten

Woran liegt das? In Deutschland fängt die Selektion nicht erst in der Hochschule an, sondern schon viel früher, in der Grundschule und der weiterführenden Schule. Hier ist es immer noch schwer, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen, zu wechseln und aufzusteigen. "Pfadabhängigkeit" heißt das heute im Fachjargon. Daher ist bei vielen Kindern die Laufbahn schon in der Schule vorgezeichnet, wenn sie nicht zufällig an Lehrer, Freunde oder Bekannte geraten, die ihnen noch weitergehende Bildungsperspektiven aufzeigen. Oft können die Eltern wenig oder gar nicht finanziell unterstützen. Schulden, die man mit BAföG aufnehmen würde, gelten als unstatthaft. Auch das Stipendienangebot ist vielen nicht bekannt.

Das Grundproblem ist aber das mangelnde Vertrauen in den akademischen Bildungsweg. Die Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern trauen sich gar nicht erst zu, ein Studium aufzunehmen, sich um ein Stipendium zu bewerben. "Ich habe ja eh keine Chance", denken viele. Der akademische Habitus ist ihnen fremd, sie haben Angst, sich durch ein Studium von ihrer eigenen Familie zu entfernen, im Vergleich mit anderen Studierenden nicht zu bestehen. Weil auch ich diese Erfahrung machen musste, habe ich schließlich ArbeiterKind.de gegründet. Mit dieser bundesweiten gemeinnützigen Organisation erreichen wir seit 2008 sehr niedrigschwellig über eine Website, ein Infotelefon und durch ein Netzwerk von über 6.000 Ehrenamtlichen in 75 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen Ratsuchende  und ermutigen und unterstützen sie auf dem Weg ins Studium und anschließend in den Beruf. Das Prinzip ist sehr erfolgreich, da unsere Ehrenamtlichen oft selbst die Ersten ihrer Familie an einer Hochschule sind oder waren und die Probleme sehr genau kennen. Sie helfen individuell, unbürokratisch und schnell, mittels Sprechstunde, regelmäßigen offenen Treffen, halten Schulvorträge und informieren auf Bildungsmessen. Die vielen Bildungsgeschichten von Menschen, die ich getroffen habe, und über die ich in meinen Buch "Ausgebremst – Warum das Recht für Bildung nicht für alle gilt" berichte, zeigen, dass es geht, sie sind Motivation für andere.

Horizonte eröffnen

Durchlässigkeit ist ein Prozess, der nach meiner Erfahrung immer wieder angepasst werden muss, um ihn zu gewährleisten. Die Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger in den 60er und 70er Jahren sind entsetzt, wenn sie hören, wie schwer es heute wieder viele junge Menschen haben, ihren Bildungswunsch zu erfüllen.

Die Selektion im Bildungsbereich ist nach wie vor ungerecht. Es herrschen große Informationsdefizite. Potenziale werden nicht oder zu wenig genutzt. Wir brauchen eine Bildungskultur, die sich an Chancen orientiert und junge Menschen dazu anspornt, Herausforderungen anzunehmen und auch Risiken nicht zu scheuen. Finanzielle Unterstützung muss schnell und unbürokratisch gewährleistet werden und die aktuellen Bedürfnisse berücksichtigen. Ein Studium darf nicht an Vorleistungen wie Umzugskosten, einer Einschreibegebühr oder auch an Dingen wie einem Computer oder einem Drucker scheitern.

Die Lehrkräfte befinden sich in einer Schlüsselposition. Sie haben die Möglichkeit, die Schülerinnen und Schüler mit allen relevanten Informationen zu versorgen und  ihnen so eine realistische Perspektive aufzuzeigen, die an ihren tatsächlichen Potenzialen und nicht an ihrer sozialen Herkunft orientiert ist. Sie können neue Horizonte jenseits des Elternhauses eröffnen. Die gesamte Gesellschaft ist hier gefordert. Jeder kann im Kleinen etwas dazu beitragen, indem er mit offenen Augen durch die Welt geht und erkennt, wenn ein Kind Hilfe und Rat benötigt.

Wenn wir dahin kommen, dass Bildungskarrieren nicht mehr nur von Zufällen abhängen, von Begegnungen mit Menschen, die zu Förderern werden, dann sind wir einen großen Schritt weiter.

Zur AutorinArbeiterKind.de Gründerin Katja Urbatsch

Katja Urbatsch ist Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation ArbeiterKind.de. Sie studierte  Nordamerikastudien, Betriebswirtschaftslehre und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin und der Boston University und arbeitete im Anschluss als wissenschaftliche Mitarbeiterin am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Motiviert von ihren Erfahrungen als erste Akademikerin ihrer Familie gründete sie ArbeiterKind.de. Urbatschs Engagement wurde im Oktober 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

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