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28.09.2018

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Anna Maria Link, Die Offene Gesellschaft

In eigener Sache: Andre Wilkens zieht es nach Amsterdam

Unser Mitbegründer und Geschäftsführender Vorstand Andre Wilkens geht nach Amsterdam. Was er vermissen wird und wie es mit der Initiative weitergeht, erklärt er im Interview.

Rückblick: Im Herbst 2015 konnte man eigentlich ziemlich stolz sein auf dieses Land, das vor historisch gar nicht so langer Zeit einmal das „Evil Empire der Welt“ gewesen war und nun mit Staunen als bestes Land der Welt gepriesen wurde, Time Magazin Titelbild inklusive. Dabei ging es diesmal nicht um Fußball oder den Mittelstand sondern darum, wie Deutschland und seine Menschen hunderttausende von Kriegsflüchtlingen aufgenommen hatten. Eigentlich ein Grund zum Feiern fanden ein paar Leute beim Skat in einer Berliner Kneipe. Doch schon da spürten sie einen aufkommenden Stimmungswechsel. Nach einer herzlichen Willkommenskultur wurden immer mehr Stimmen der Abschottung, Ablehnung und des Hasses laut. Sie fragten sich: Was passiert hier eigentlich gerade? Welches Land wollen wir denn sein? Hunderte und bald tausende Menschen folgten ihrer Einladungen und diskutierten in Theatern, Klubs und auf Festivals in ganz Deutschland. Das war der Auftakt, der im September 2016 zur Gründung der Initiative Offene Gesellschaft führte (hier geht's zur ganzen Story).

Andre Wilkens war nicht nur einer der vier Gründer der Initiative, sondern übernahm auch die geschäftsführende Rolle. Jetzt zieht es ihn zu unseren holländischen Nachbarn. Als neuer Direktor der Europäischen Kulturstiftung wird er dabei auch weiterhin die offene Gesellschaft in Europa gestalten. Wir haben ihn nach einem Ausblick gefragt.

Die offene Gesellschaft ist weiterhin in Gefahr. Was zieht Dich gerade jetzt in die Niederlande? 

Andre Wilkens: Was mich nach Amsterdam zieht ist die Zukunft Europas. Die European Cultural Foundation ist eine der ältesten europäischen Stiftungen, 1954 mitbegründet von Robert Schumann, dem Architekten der Europäischen Union. Unter anderem hat die Stiftung das Erasmus Programm erfunden, aufgebaut und dann an die EU abgegeben, wo es die wahrscheinlich erfolgreichste Bürgerinitiative der EU geworden ist. In den heutigen kritischen Zeiten für die offene Gesellschaft in Europa möchte ich etwas Konkretes tun dafür, dass wir das Europa von Robert Schuman erhalten und fit machen für die aktuellen Herausforderungen. Dazu frage ich mich, was das nächste Erasmus für die Stiftung und für Europa sein wird. Ich glaube, es wird etwas mit Identität, Kultur und Öffentlichkeit zu tun haben. It’s culture, stupid.

Wie sieht Dein Engagement für die Initiative Offene Gesellschaft in Zukunft aus? Wirst du auch weiterhin vertreten?

Andre Wilkens: Ich bleibe weiter aktiv im Vorstand der Initiative. Das ist mir sehr wichtig. Es gibt wahnsinnig viel zu tun. Wir haben viele tolle Mitstreiter, Freunde, Ideen, ein tolles Team und ein paar knackige Pläne für die nächsten Monate. Und nun gibt es eben auch einen Außenposten in Amsterdam.

"Wir müssen dranbleiben..."

Wie geht es mit der Offenen Gesellschaft weiter? Welche Herausforderungen siehst Du für die Zukunft?

Andre Wilkens: Unsere Initiative ist drei Jahre jung und immer noch ein Start-Up. Wir haben viel gemacht, viel gelernt, Fehler gemacht und manche Dinge auch ganz gut hinbekommen. Die Zeiten sind schwierig. Die offene Gesellschaft ist heute mehr unter Druck als wir uns das vor drei Jahren hätten vorstellen können. Wir müssen dranbleiben, besser werden, selber Agenda setzen, als hinter den Themen der Neonationalen hinterherzulaufen. Wir müssen lauter werden, in gewisser Weise radikaler, für die offene Gesellschaft. Die Zeit für business as usual sind vorbei, wie unser Mitstreiter Martin Roth immer sagte.

Du hast die Initiative Offene Gesellschaft nicht nur organisatorisch gesteuert, sondern vor allem auch inhaltlich mitgestaltet. Was war dein absolutes Herzensprojekt?

Andre Wilkens: Das ganze Ding eigentlich. Die Idee von der Initiative Offenen Gesellschaft vom Kneipentisch erst auf ein Blatt Papier und dann innerhalb von Tagen in die Realität zu bringen, das wird eine der wichtigsten Initiativen meines Lebens gewesen sein. Das schließt die ersten Debatten ein, unser Buch „Die offenen Gesellschaft und ihre Freunde“, das Weimarer Kulturforum, unser tolles Team, unsere Videos mit Eckhard von Hirschhausen und Katja Riemann, überhaupt diese schön verrückte Idee einen neuen Feiertag der offenen Gesellschaft zu schaffen. Eben doch das ganze Ding.

Kreative Hektik und selbst gemachtes Mittagessen

Was wird Dir in Zukunft am meisten fehlen?

Andre Wilkens: Erstmal bin ich ja noch dabei als Freund und im Vorstand der offenen Gesellschaft, nur eben in Amsterdam und nicht mehr im operativen Team. Aber das tägliche Machen im Team wird mir schon fehlen. Das ständige Nachdenken darüber, wie man die offene Gesellschaft relevant und besser machen kann, und es dann auch gleich zu tun. Das wird mir fehlen. Das immer zu lange und gleichzeitig zu kurze Team Meeting am Dienstag mit anschließenden selbst gemachten Mittagessen (jeder kann ein Lieblingsgericht kochen), die kreative Hektik vor dem Tag der offenen Gesellschaft, das wird mir fehlen. Und die hundert Veranstaltungen und Aktionen im ganzen Land mit ihrem sofortigen „Feedback Loop“, das wird mir ebenfalls fehlen. Aber, wie gesagt, ich bin ja eigentlich nur eben mal örtlich etwas weiter weg.

Im Niederländischen gibt es das Sprichwort "Alle dingen laten zich zeggen, en kaas en brood laten zich eten" (Alle Dinge lassen sich sagen, und Käse und Brot lassen sich essen). Was möchtest du deinen Kolleginnen und Kollegen, aber auch dem großen Freundeskreis der Offene Gesellschaft noch sagen?

Andre Wilkens: Leute, Dranbleiben!

Zur Person: Der Buchautor Andre Wilkens ist einer der vier Gründer der Initiative Offene Gesellschaft und übernahm von 2016-2018 die geschäftsführende Rolle der Initiative.

Fragen: Anna Maria Link

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