Essay
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19.04.2017

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Kristin Shi-Kupfer

Ein Trampolin aufspannen

Total selbstbestimmt, aber bindungslos und verunsichert? Die China-Expertin Kristin Shi-Kupfer denkt über das Gute und Verbindende in einer offenen Gesellschaft nach.

Der wichtigste Schritt hin zu einer Offenen Gesellschaft ist für mich ein offenes Eingeständnis: Wir sind zu, weil wir voll sind – voll überfordert. Wir machen dicht, weil so vieles völlig offen ist.

Die großen Narrative und Heilsversprechen zerbrechen oder zerfallen: die Strahlkraft einer offenen, marktwirtschaftlichen Handelsordnung, die liberalen Demokratien wanken und auch Modelle von nationaler und regionaler Kooperation wie die EU stecken in einer Krise. Das Christentum, das historische Fundament Europas, stiftet aktuell keine verbindende Hoffnung mehr -  allenfalls dient es noch als gebetsmühlenartig vorgebrachte Phrase („christliches Abendland“)

Nicht mehr nur ferne oder nähere Nachbarländer, sondern auch unsere sicher geglaubten Heimatgefilde sind Orte für Gewaltexzesse und Terrorakte.

Unser Smartphone ist selten aus und wir stehen unter Dauerstrom. Der Rausch an Informationen liefert uns Bilder und Schlagzeilen aus aller Welt, aber kaum Zusammenhänge. Wir fühlen von allem irgendwie betroffen, doch oft nicht wirklich berührt und kaum verbunden. Wir inszenieren uns lieber als einfach nur zu sein.

Weil wir uns alles offen halten wollten – und manchmal auch müssen – können wir auf nichts mehr bauen: soziale Beziehungen zerbrechen an der eignen Glücksmaximierung – und den Erfordernissen eines flexiblen Arbeitsmarkts. Totale Verunsicherung anstatt – oder gerade auch wegen – totaler Selbstbestimmung.

Wir sind eine geschlossene, weil verschlossene Gesellschaft.

Das können wir nicht allein

Ich glaube, Menschen können sich am leichtesten (wieder) öffnen, wenn sie sich zunächst fest machen können an etwas, was ihnen ein tragbarer Grund ist: an einer Vision, wie jeder einzelne und wie wir zusammenleben wollen, an verbindlichen Werte und Normen.

Viele denken dabei sofort an einen Käfig oder ein Korsett. Die Gesetze sind kleinster gemeinsamer Nenner, sind das, was wir nicht tun sollen und haben wollen, das reicht doch dann, mag die ein oder der andere sagen. Ich denke eher an den größtmöglichen gemeinsamen Nenner, an das, was und wie wir sein könnten. Ich stelle mir unsere Gesellschaft dann eher als ein Trampolin vor. Eines mit diesen hohen Wänden, die aber Öffnungen haben, also eine Gesellschaft, in die man bewusst einsteigen muss, aber auch nicht so leicht rausfliegen kann. Eine Gesellschaft, die Spaß machen kann, aber nicht immer muss und tut. Die auch mal weh tut, weil wir anecken, uns verletzten und verletzt werden. Selbst wenn wir dann oft nicht von alleine wieder aufstehen können, werden wir dann doch wieder hochgezogen von anderen – oder gewirbelt, weil ein anderer gerade einen Sprung macht und neben uns landet.    

Es geht aber nicht nur um Prozesse, dass und wie wir teilhaben können, und auch nicht nur um die Technologie, die Herstellung und Verarbeitung des Materials des Trampolins. Es geht darum, gemeinsam das Trampolin neu zu spannen, wie weit, und wie fest es sein soll und wie hoch die Wände sein sollen. Das können wir nicht allein.

Wir dürfen weder die Fragen noch die Antworten auf die Suche und die Sehnsucht nach einem tragenden Boden den Populisten überlassen. Denn sie machen das Trampolin zu klein, die Zugänge zu eng und die Außenwände zu hoch. Zu einer geschlossenen Gesellschaft eben.

Mitanpacken beim Bau des Trampolins ist angesagt. Kennen wir doch von Ikea. Aber für ein Trampolin, das eine Offene Gesellschaft sein soll, müssen wir selbst auch die Anleitung schreiben. Dazu sollten wir Fragen stellen und auch Antworten anbieten, warum wir es bauen wollen, also wer wir sein und wie wir leben wollen – jeder für sich und auch zusammen. Das hat aus meiner Sicht viel damit mit der Frage und der Antwort zu tun, was gut ist.

Was gut tut, ist nicht unbedingt gut

Bescheidenheit gehört für mich an den Anfang der Frage – und auch an den Anfang meiner Antwort. Es ist für mich gut, wenn wir bescheiden sind – oder, um ein altertümliches Wort zu bemühen, demütig. Demut davor, dass viele Dinge für uns unerklärlich, ein Mysterium sind, dass wir mit unserem Leben Teil eines größeren Ganzen sind. Davor, dass wir fehlbar sind, davor, dass die Grenze zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten oft durch unser eigenes Herz verläuft.

Demut auch davor, dass wir offensichtlich dazu gemacht sind, in Gemeinschaft zu leben. Nur ganz wenige von uns sind sich selbst für immer genug. Und ich würde sogar noch weitergehen: wir sind unvollständig ohne die oder den anderen, ohne das Du, das Gegenüber. Unserem Ursprung – und wir können das biologisch oder romantisch und oder auch spirituell verstehen – verdanken wir einer Beziehung. Ich könnte also auch direkt fragen, was ist gut für Dich?

Gut für Dich, gut für uns ist nicht immer unbedingt, was uns gut tut. Dazu müssen wir gar nicht moralisch werden. Aber mit der Frage, was uns gut tut, kommen wir nicht weit. Das führt uns oft in eine Sucht, eine Selbstsucht, die nicht nur sehr schnell selbst zerstörerisch wird, sondern uns auch fremd werden lässt, von uns, von dem was wir, gerade in der Gemeinschaft mit anderen, sein können (und eigentlich auch möchten). Wie viele Menschen zerbrechen unter der Last der Selbstverwirklichung, möglichst individuell und „anders“ zu sein, Hauptsache selbstbestimmt und unabhängig, bindungslos. Tut uns das wirklich immer gut?   

Jeder einzelne ist gefragt zu antworten auf die Frage, was gut ist – und dem anderen zuzuhören, was er zu fragen und zu sagen hat. Denn wir können das nur gemeinsam. Auf dem Trampolin bewegt jeder unserer Bewegungen den anderen. Unser Handeln und auch unser Nicht-Handeln hat Konsequenzen und stiftet Beziehungen. Wie hoch oder wie niedrig, mit wieviel Kraft und wo genau auf dem Trampolin Du dich bewegst, kann ich spüren. Wir müssen danach fragen und gemeinsam Antworten finden, die verbindlich und verbindend sagen, was gut ist.

Eine verbindliche Grundlage für die offene Gesellschaft?

Für unser Zusammenleben können und wir müssen uns nicht auf jedes Detail einigen. Wir werden bei vielen Themen sehr unterschiedliche Meinungen und Wertvorstellungen haben. Aber wichtig scheint mir, dass wir wissen bzw. uns fragen, wo sind wir auf dem Trampolin, wann wird es zerreißen. Damit wir mit Blick auf uns selbst und auch auf den anderen nicht zu hochspringen oder zu fest aufschlagen.

Das wird nicht nur mit Spaß gehen und auch nicht nur Spaß machen. Und es bedeutet, dass wir nicht alles tun und lassen können, was wir wollen. Aber wie schon gesagt: es tut uns auch nicht gut, alles zu bekommen, was wir uns wünschen. Der eigene Wunsch kann uns über die verbindende Grundlage des Trampolins hinausführen.

Ich denke viel über das Trampolin nach, und komme so zu Betrachtungen wie diesen:
Es ist gut, wenn Menschen sagen können, dass sie überfordert sind und sich allein gelassen fühlen. Es ist nicht gut, wenn diese Menschen dann andere aus dem Trampolin drängen (wollen).

Es ist nicht gut, wenn es keine Bedingungen für den Einstieg gibt, keine Verpflichtungen, keine ehrliche Bestandaufnahme und keine Betriebsanleitung a la „sieh Dich um – das erwartet Dich und das erwarten wir von Dir“.   
Wie siehst Du das? Ich möchte gerne von Dir hören.

Zur Autorin:

Kristin Shi-Kupfer ist China-Beobachterin. Sie beschäftigt sich mit Vorstellungen von Werten, Glauben und Gemeinschaften – sowohl in Bezug auf China, wie auch zunehmend mit Blick auf Deutschland und die USA.  

Titelfoto: Unsplash (CC0 Public Domain)

 

 

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