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26.07.2017

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Eric Hattke

Freiheit strengt an

Eine offene Gesellschaft kann man nicht per Gesetz schaffen - wir müssen sie leben. Ein Plädoyer unseres Dresdner Regionalbotschafters Eric Hattke.

Dass wir ein Problem mit so zentralen Umgangsformen wie Respekt, Anstand und Toleranz haben, ist spätestens seit den mittlerweile üblichen Hasstiraden auf Demonstrationen und einem Wahlkampf à la Donald Trump klar. Ironischerweise sind solche Zeitgenossen die größten Profiteure einer offenen Gesellschaft: Sie können sich auf Freiheiten berufen, die sie anderen nicht zubilligen. Auch der größte Feind der offenen Gesellschaft braucht diese, um auch weiterhin ungeniert seinen Hass nach außen tragen zu können. Natürlich nur bis zur Grenze des Gesetzes, denn das innere Gebot der Moral oder des Schamgefühls hat anscheinend an Wirkungskraft verloren. Die entscheidende Frage ist also, was eine offene Gesellschaft alles erlauben – oder besser: ertragen – darf. Sollte jeder alles äußern dürfen, mit Berufung auf die Meinungsfreiheit? Gleich, ob es beleidigend, diffamierend oder schlicht gelogen ist?

Natürlich nicht, und es gibt ja auch Gesetze dagegen. Außerdem muss eine Demokratie wehrhaft sein, denn offen bedeutet nicht beliebig. Aber Gesetze sind nicht dafür gemacht, zwischenmenschlichen Zusammenhalt zu erzeugen oder Diskussionsfähigkeit zu lehren. Das müssen wir schon selbst tun. Wer hat zum Beispiel einen Verwandten, der sich bei jeder Familienfeier danebenbenimmt und immer wieder das „N“-Wort für Menschen anderer Hautfarbe bemüht? Und wer hat das bei Kaffee und Kuchen mal offen angesprochen? Oder mit seinem Nachbarn über solche Themen gesprochen, mit Kollegen, dem Partner? Natürlich soll niemand zur Wortpolizei werden. Aber wenn wir uns nicht für einen respektvollen Umgang miteinander einsetzen, werden uns keine Gesetze der Welt eine offene Gesellschaft geben können.

Wer bestimmt, was eine offene Gesellschaft erlaubt?

Was ebenfalls nicht zum besseren Miteinander beiträgt, ist die Forderung nach einer offenen Gesellschaft in Fensterreden gespielter Anständigkeit. Besonders erheiternd ist, wenn sie postuliert und dann widerlegt wird, etwa: „Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.“ Sicher bin ich nicht Burka und der Verfasser dieser einprägsamen Zeilen ist es auch nicht. Aber ist eine Frau, geboren in Deutschland, durch das Tragen einer Burka jetzt nicht mehr „wir“? Und setzen wir unsere offene Gesellschaft aufs Spiel, wenn wir andere darüber entscheiden lassen? Oder gefährden wir unsere offene Gesellschaft, weil eine Burka nach einem bestimmten Verständnis genau dieser feindlich gegenübersteht? Und ist derjenige, der ein Verbot fordert, dann Verteidiger oder Feind der offenen Gesellschaft?

Dies ist das Dilemma einer offenen Gesellschaft. Im Gegensatz zu totalitären Regimen mit fester Ideologie verspricht sie keinen paradiesischen Endzustand: Sie fordert einen immerwährenden Aushandlungsprozess. Dazu gehört der konstruktive Diskurs über die Akzeptanz verschiedener Lebensweisen und darüber, wo Akzeptanz endet. Das ist die Grundbedingung für eine offene Gesellschaft. Verlernen wir, miteinander zu sprechen, verlernen wir, miteinander zu leben.

Was offene Grenzen bedeuten

Das Thema der „Grenze“ wird oft im Zusammenhang mit der offenen Gesellschaft verwendet. Nicht zuletzt durch die hitzig geführten Diskussionen um eine Obergrenze. Eine erfolgreiche Annäherung an eine transnationale offene Gesellschaft ist die Europäische Union. Landeseigene Grenzzäune und Abschottungssysteme stehen nicht nur den Idealen und Wirkmechanismen der EU unversöhnlich gegenüber, sondern lassen auch die eigentlichen Fluchtursachen unberührt. Einer der wichtigsten Gründe, warum es uns in unserer offenen Gesellschaft so gut geht und wir größtenteils deren Freiheiten genießen können, ist unsere gute wirtschaftliche Lage. Dazu gehört auch die Freiheit des offenen Handels und des freien Unternehmertums.

Ein unangenehmer Teil des offenen Handels ist allerdings, dass er Fluchtursachen schafft. Wenn die Frage gestellt wird, wie viel Zuwanderung eine offene Gesellschaft ertragen kann, sollte nicht vergessen werden, wie wir unseren Wohlstand und unsere Freiheiten auf dem Elend anderer aufgebaut haben – z.B. auf der Basis unfairer Spielregeln im Welthandel. Die Folgen, wie sich verschlechternde Lebensbedingungen für lokale Bauern in Entwicklungsländern, werden sich in den kommenden Jahren noch verschlimmern.

In unserer offenen Gesellschaft werden wir in den nächsten Jahrzehnten viele Konflikte lösen müssen: zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Stadt und Land. Besonders das Spannungsverhältnis zwischen nationaler Identität und dem Anspruch, mit offenen Grenzen leben zu wollen, wird zur Zerreißprobe für Europa, und für Deutschland.

Umschreiben innerer Landkarten

Einer der größten Vorteile einer offenen Gesellschaft ist das friedliche Zusammenleben in Vielfalt. Aber das ist kein Selbstläufer. Akzeptieren, was nicht dem Eigenen entspricht, bedeutet immer einen Kraftaufwand. Innere Landkarten, die jahrzehntelang Orientierung gaben, müssen umgeschrieben werden. Ein Abschied von liebgewonnenen Meinungen kann wehtun. Dabei Angst zu haben, ist natürlich (sollte aber nicht die persönliche Weiterentwicklung hemmen). Wenn Angst nämlich erfolgreich instrumentalisiert wird, werden weiterhin Populisten mit halben Wahrheiten ganze Erfolge feiern.

Millionen Menschen weltweit beneiden uns nicht nur um unsere wirtschaftliche Situation, sondern auch um unsere freie und friedliche Art des Zusammenlebens, die nur eine offene Gesellschaft ermöglicht. Dass die Welt nicht nur bunt und herzlich ist und Menschen ziemlich rücksichtslos sein können, sollte kein Grund sein, das Schneckenhaus, das jeder mit sich trägt, nicht ab und an zu verlassen.

Möchten Sie über diesen Artikel diskutieren? Sie können Eric Hattke gern schreiben an: hattke@die-offene-gesellschaft.de.

Eric HattkeZum Autor: Eric Hattke ist Botschafter der Offenen Gesellschaft für die Region Sachsen. Er studiert an der TU Dresden Philosophie und Geschichte und ist Vorsitzender des Vereins Atticus e.V., mit dem er sich für den Zusammenhalt in der Gesellschaft einsetzt.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 16. Juni 2017 in der Sächsischen Zeitung.

Titelfoto: Ryan McGuire (CC0)

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