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23.09.2017

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Eckart von Hirschhausen

Gehen Sie bitte wählen!

Die Mehrheit sind Aufrechte. Ein Wahlaufruf von Eckart von Hirschhausen.

In Zeiten, in denen viele Menschen zu uns kommen, weil sie ihre Heimat verloren haben, finde ich es wichtig, daran zu erinnern, wie viele Menschen in den vergangenen 60 Jahren bei uns Heimat gefunden haben. Sehen Sie, jetzt sage ich schon „bei uns“. Für meine Großeltern und Eltern war „Heimat“ immer woanders. Ich bin kein Flüchtlingskind, aber Kind zweier Geflüchteter. Meine Großeltern und meine Eltern sind in Estland geboren. Sie waren Deutschbalten, kamen nach Umsiedlung und Flucht nach Baden-Württemberg, wo Hochdeutsch auch nicht immer von Vorteil war. 1945 war man froh, wenn man überlebt hatte. So wie viele heute froh sind, dem Krieg in Syrien und anderswo lebend entkommen zu sein. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Mir ist klar, dass es viele Unterschiede zu damals gibt. Aber was half meiner Familie, neue Wurzeln zu schlagen? Der Zugang zu Bildung! Meine Eltern durften für umsonst in die Schule, eine Zeitlang barfuß. Die Hefte wurden am Ende des Schuljahres ausradiert, weil kein Geld da war für neue. Solche Erinnerungen lassen sich nicht ausradieren.

Und so lange ist das alles gar nicht her. Das Gefühl, entwurzelt zu sein, überträgt sich über mindestens eine Generation. Mein Vater bekam ein Stipendium von wenigen D-Mark, lernte beim Studium meine Mutter kennen und sie bekamen vier Kinder. Wir Geschwister haben alle eine Ausbildung, Arbeit und zahlen Steuern. Die „Investition“ in die Bildung der Neuankömmlinge hat sich nach einer Generationen für unsere Gesellschaft vielfach gelohnt. Und auch wenn ich dagegen bin, Menschen nach ökonomischem Nutzen zu beurteilen, möchte ich daran erinnern: Es tut uns selber gut, allen, die willens und in der Lage sind, Teil dieser offenen, demokratischen und freien Gesellschaft zu werden, diese Chance zu bieten. Auch wenn das Geduld und manche Rückschläge bedeutet. Ich lebe sehr gerne in Deutschland. Ich bin viel gereist und kenne kein Land, in dem ich lieber wäre!

Brauchen wir nicht nochmal...

Die am lautesten „Heimat“ schreien und meinen, diese verteidigen zu müssen, haben oft nicht weit über den eigenen Tellerrand geschaut. Und auch nie erlebt, dass der eigene Teller leer ist. Es gibt einige extrem Rechte in diesem Land. Aber das heißt doch im Umkehrschluss: Die Mehrheit sind Aufrechte! Warum lassen wir es zu, dass eine Minderheit immer so viel mehr wahrgenommen wird als die Mehrheit? 2017 ist das Jahr, in dem wir das, was wir gemeinsam aufgebaut haben, verteidigen müssen. Es lohnt sich. Gehen Sie bitte wählen! Demokratisch. Wir können so froh sein, in einem Land zu leben mit so vielen Freiheiten wie nirgendwo sonst. Ich liebe es, als Künstler auf die Bühne zu gehen und sagen zu können, was ich denke. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Wenn populistische Parteien versprechen, als Erstes eine unabhängige Berichterstattung beschneiden zu wollen, ist das schon Grund genug für mich und hoffentlich auch für Sie, diese auf keinen Fall zu wählen. Es geht diesmal um viel. Bitte gehen Sie nicht nur im Stillen wählen, beteiligen Sie sich hörbar und aktiv an dem manchmal mühsamen Meinungsbildungsprozess. In der Demokratie darf jeder sagen, was er denkt. Egal wie viel er über etwas nachgedacht hat. Das ist bisweilen schwer auszuhalten, aber das Beste, was uns in Europa in den letzten 100 Jahren passiert ist. Demokratie ist nicht die blinde Herrschaft der Mehrheit, sondern die gesetzlich geschützte Möglichkeit, nach festen Spielregeln eine Regierung gewaltfrei abzuwählen und durch eine neue zu ersetzen. Setzen Sie sich für unser Gemeinwesen ein, sonst übernehmen das andere. Hatten wir alles schon, brauchen wir nicht nochmal. Ich durfte hier sagen, was ich will. Und das dürfen alle in Deutschland.

Porträt Eckart von Hirschhausen

 

Über den Autor:
Eckart von Hirschhausen ist Moderator, Mediziner, Zauberkünstler, Kabarettist, Comedian und Schriftsteller

Titelfoto: Richard Ley (CC0)

Porträtfoto: Michael Zargarinejad

 

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