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06.09.2017

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Initiative Offene Gesellschaft / Alexander Wragge

Gößwald: Neukölln ist kein Moloch

Freiraum? Problemviertel? Im Interview beschreibt Udo Gößwald (Museum Neukölln), wie er das Zusammenleben in Berlin-Neukölln erlebt. Außerdem erklärt er, warum es an der Zeit ist, das Demokratie-Festival Neukölln Open zu starten ...

Kurz vor der Bundestagswahl setzt Neukölln Open ein Zeichen für Demokratie und Vielfalt. Wir haben mit Initiator Udo Gößwald (Leiter des Museums Neukölln) über den berühmt-berüchtigten Berliner Stadtteil Neukölln und das Demokratie-Festival gesprochen.

Gösswald
Udo Gößwald, Leiter des Museums Neukölln

Für die einen ist Neukölln immer noch das Problemviertel, das Sinnbild für alles, was in puncto Integration, Kriminalität und Bildung falsch laufen kann. Für andere ist Neukölln ein Sehnsuchtsort, ein Freiraum, ein Zukunftslabor. Was ist Neukölln für Sie?

Udo Gößwald: Wir kommen nicht sehr weit, wenn wir Neukölln immer nur in diesen grellen Extremen beschreiben, irgendwo zwischen Hipster-Hotspot, Gefahrenzone, Gentrifizierung und Manifestation der Armut. So viel vorweg.

Für mich ist Neukölln allerdings ein Ort, der sehr viel über den Wandel erzählt kulturell, ökonomisch und demografisch. Hier können Sie zum Beispiel den Aufstieg und Niedergang der klassischen Industrie in Berlin nachvollziehen. In vielen alten Industriegebäuden finden Sie heute Ateliers und Start-Ups. Es ist immer wieder ein Ort, an dem Menschen vorhandene Lücken nutzen, um etwas Neues zu probieren und zu starten. Die vielen jungen Menschen aus Europa kommen derzeit vielleicht auch deshalb hierher, weil es hier aufregender und etwas hysterischer zugeht als anderswo in Deutschland.

Weltweite Krisen prägen Neukölln

Ist Neukölln ein außergewöhnlich offener Ort?

Udo Gößwald: Ja. Das sehen Sie an der Zuwanderung. In den 50er und 60er Jahren zog es Menschen aus Südeuropa hierher, als es dort keine Arbeit gab, später aus Jugoslawien und der Türkei. In den 80er und 90er Jahren kamen Kriegsflüchtlinge aus dem Irak, dem Iran, aus Afghanistan, Bosnien und Kroatien. Weltweite Entwicklungen spiegeln sich in dieser Stadtgesellschaft wieder. Neukölln ist ein Ort, an dem immer wieder Menschen einen Anfang machen. Manche bleiben, manche gehen oder kommen wieder. Es ist ein konstanter Wandel.

In Neukölln leben Menschen aus 160 Nationen zusammen. Manchen scheint diese Vielfalt Angst zu machen, selbst dann, wenn sie selbst noch nie in Neukölln waren. Sie fürchten zum Beispiel den Verlust von gemeinsamen Werten. Können Sie das verstehen?

Udo Gößwald: Nein. Die Neuköllner Stadtgesellschaft ist keineswegs eine entsolidarisierte oder entwurzelte. Parallel zu den vielen Umbrüchen gibt es hier auch viel Kontinuität. Es gibt Familien in der dritten oder vierten Generation, zum Beispiel in Böhmisch-Rixdorf, das übrigens auch einmal von Geflüchteten gegründet wurde. Auch bei den jungen Menschen, die herkommen, geht es nicht nur um individuelle Selbstverwirklichung. Ich beobachte immer wieder kleinere Gemeinschaften der Solidarität.

Junge Leute freuen sich, Älteren zu helfen, ihnen zum Beispiel jeden Tag die Zeitung hochzubringen. Es gibt auch Jüngere, die hier eine Familie gründen, sich entscheiden, dauerhaft zu bleiben. Vom Moloch Neukölln kann eigentlich nur reden, wer noch nicht hier war. In der Presse dominieren natürlich die vielen Probleme, die Neukölln hat, zum Beispiel die Bandenkriminalität. Es sollte aber nicht übersehen werden, dass hier eine heterogene Bevölkerung auch sehr friedlich und durchaus solidarisch zusammenlebt.

Museen bieten Zukunft

An diesem außergewöhnlichen Ort starten Sie nun erstmals ein Demokratie-Festival. Warum?

Udo Gößwald: Wir erleben seit einigen Jahren, wie demokratische Prozesse bedroht werden, ob durch Hassreden oder populistische Versuche, die Bevölkerung zu spalten. Das hat Viele wach gemacht. Auch unsere Demokratie kann ins Rutschen kommen. Wir wollen etwas gegen die permanente Polarisierung tun, gegen die Schwarzmalerei, gegen die Nicht-Fähigkeit zum Kontakt und zum demokratischen Streit. Gemeinsam mit der Volkshochschule Neukölln schaffen wir für einen Tag einen Ort der Diskussion und der Auseinandersetzung über aktuelle Themen.

Warum sieht sich das Museum Neukölln in der Rolle, die Gegenwart und Zukunft der Demokratie zu thematisieren?

Udo Gößwald: Museen sind heute nicht nur an der Vergangenheit orientiert. Sie müssen sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen beschäftigen, und können das sehr gut tun, weil sie historische Bezüge herstellen können. In fast jeder unserer Ausstellungen blicken wir nicht nur in die Vergangenheit, sondern leiten über in die Gegenwart. Konkret haben wir zum Beispiel das Thema Religion. Wir arbeiten auf, was hier in Neukölln in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten an Religion stattgefunden hat und fragen nach dem Heute. Auch bei Neukölln Open werden wir ein Forum hierzu haben, zum Thema Religionsfreiheit.

"Wer nicht glaubt, ist kein schlechterer Mensch"

Kaum eine Debatte wird bundesweit kontroverser geführt als die um den Islam. Ist der Islam in Neukölln, wo sehr viele Menschen muslimischen Glaubens leben, eigentlich auch so ein umkämpftes Thema?

Udo Gößwald: Nein, das würde ich nicht sagen. Vorweg: Religion ist hier einfach ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Zugewanderte Menschen haben oft eine sehr intensive Bindung zu ihrer Religion, weil sie sich in der Fremde orientieren und an etwas festhalten wollen. Das ist bei deutschen Christen im Ausland übrigens nicht anders. Insofern müssen wir es erstmal respektieren und anerkennen, dass Religion für viele Menschen eine große Rolle spielt. Aber es gibt eben in Neukölln auch Moscheen, in denen in gefährlicher Weise gepredigt wird. Da dürfen wir nicht wegsehen. Es gibt hier in Neukölln deshalb auch Initiativen, die sich gegen die Radikalisierung von Jugendlichen durch extreme Gruppen und Ideologien wenden. Auch ihnen geben wir eine Bühne.

Funktioniert denn der gesellschaftliche Austausch zwischen eher verschlossenen Gemeinden und der übrigen Stadtgesellschaft? Oder lebt man aneinander vorbei?

Udo Gößwald: Es gibt viele Akteure, die sich um den Dialog bemühen, zum Beispiel Sozialarbeiter*innen oder Lehrer*innen. Kritische Fragen und Themen stoßen allerdings nicht immer auf offene Ohren. Ich kann nur dazu aufrufen, dass sich Gemeinden und Gemeinschaften von jeder Form der Gewalt abgrenzen.

Wichtig für eine offene Gesellschaft ist, dass wir uns akzeptieren. Für manche Menschen spielt der Glaube eine zentrale Rolle. Er bietet ihnen Halt und Spiritualität. Das ist ernstzunehmen und nicht zu verdrängen, nur weil es einem selbst vielleicht fremd ist. Umgekehrt müssen Gläubige diejenigen akzeptieren, die nicht gläubig sind. Wer nicht glaubt, ist deshalb kein schlechterer Mensch. Wir haben gerade in Neukölln auch eine lange atheistische Tradition - denken Sie an die Arbeiterbewegung.

Der hohe Wert der Demokratie

Demokratische Prozesse fallen vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht unbedingt leicht. Sie erfordern Zeit und Wissen. Die Materie ist oft kompliziert. Haben Sie das Gefühl, dass die sehr diverse Bevölkerung Neuköllns gemeinsam den eigenen Stadtteil gestaltet oder gibt es viele Menschen, die politisch nicht teilhaben?

Udo Gößwald: Es gibt beides. Es gibt sehr viele Bürgerinitiativen und Engagierte, die sich hier organisieren und einbringen, vom Thema Fahrradwege bis zur Luftverschmutzung. Genauso gibt es viele Menschen, die weit davon entfernt sind, ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen.

Es gibt nach wie vor ein großes Defizit in der politischen Bildung. Da müssen die Schulen, die Bibliotheken, die Museen und alle anderen Bildungsträger tatsächlich mehr tun, um den hohen Wert der Demokratie zu vermitteln. Als Museum müssen wir zeigen, wie die Demokratie gerade in unserem Land zerstört wurde, aber auch, was sie uns heute bietet. Wir sind heute in der historisch gesehen außergewöhnlichen Situation, dass wir vieles mitbestimmen können. Leider werden diese Möglichkeiten oft nicht wahrgenommen.

Diskutieren soll das Land

Woran liegt das?

Udo Gößwald: Ich beobachte, dass es an offenen Kanälen und Räumen fehlt, sich einzubringen, auch abseits der Parteien und Initiativen. Es gibt wenige Foren, wo man offen miteinander sprechen kann, auch ohne einer bestimmten politischen Richtung anzugehören. Genau so ein Forum wollen wir mit Neukölln Open bieten. Es ist ein Experiment. Wenn es gut läuft, möchten wir das gern dauerhaft etablieren und entwickeln.

In Ländern wie Frankreich haben wir eine sehr starke Diskussionskultur. Das Reden über das Politische ist dort im täglichen Leben sehr präsent. Ich würde mir das auch für Deutschland und auch in Neukölln wünschen. Nach den Protesten gegen Stuttgart 21 gab es zum Beispiel vorbildliche Bürgerforen, bei denen alle Beteiligten lösungsorientiert diskutiert haben. Ich könnte mir vorstellen, dass sowas viel öfter und auch für andere Themen stattfindet.

Im Rahmen von Neukölln Open probieren sie auch ein sehr freies Format aus. Beim Speakers’ Corner dürfen alle Interessierten in drei Minuten ihr politisches Thema oder ihre Idee vorstellen. Haben Sie ein wenig Bammel davor, was da so kommt?

Udo Gößwald: Manchmal denke ich ‘Ach Du Liebe Güte, mal sehen, was da passiert’. Auf der anderen Seite denke ich, es ist sehr wichtig, diesen Freiraum zu schaffen. Unsere Freilichtbühne bieten Platz für 250 Menschen. Ich bin sehr gespannt, wer zum Mikrofon greift und was passiert.

Hinweis: Neukölln Open findet am 10. September im Gutshof Britz statt. Als Offene Gesellschaft unterstützen wir das Festival und werden mit Andre Wilkens (Mitbegründer) und Mascha Roth (Koordinatorin) auf Podien verteten sein. Mehr...

Zur Person: Dr. Udo Gößwald leitet das Museum Neukölln. Der gebürtige Kölner wuchs in Wuppertal und New York auf und hat Politische Wissenschaften und Europäische Ethnologie an der Phillips-Universität in Marburg und der Freien Universität Berlin studiert. 

Interview: Alexander Wragge

Titelfoto: Mike Herbst

 

 

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