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20.10.2017

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Reinhard Wiesemann

Hart in der Sache, menschlich im Umgang!

Im Netz finden auch die Meinungen eine große Bühne, die in Massenmedien nicht vorkommen. Reinhard Wiesemann fordert als Antwort eine angstfreie Streitkultur. Hierfür hat er einen Preis gestiftet.

Die neuen Medien haben eine gesellschaftliche Offenheit geschaffen wie nie zuvor, und das ist eine wunderschöne Entwicklung! Denn die Meinungen, die uns heute unangenehm auffallen, gab es schon immer, sie blieben nur verborgen in den Köpfen. Jetzt aber werden sie sichtbar. Es entstehen Gegenkräfte, und so manche Überzeugung wird weiterentwickelt oder verworfen. Ich glaube sehr daran, dass diese neue Offenheit nach einer turbulenten Anfangsphase des digitalen Zeitalters zu einer tiefer verwurzelten Demokratie und zu größerer Toleranz in der Gesellschaft führen wird.

Doch das wird nur passieren, wenn wir diejenigen bremsen, die versuchen, ihre Denkweise dadurch durchzusetzen, dass sie Andersdenkende ausgrenzen, niederbrüllen und sie nicht am Dialog teilhaben lassen. Manche glauben immer noch, nicht diskutieren zu müssen. Sie fühlen sich stark genug, Widersacher einfach auszuschließen. Aber das funktioniert heute nicht mehr.

Früher, als Zeitungen, TV und Radio die einzigen Massenmedien waren, da konnte man missliebige Meinungen einfach dadurch unterdrücken, indem man ihnen keine Plattform gab. Doch heute ermöglichen Internet und soziale Medien es jedem Individuum und jeder noch so kleinen Splittergruppe ohne nennenswerte Kosten eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Medien sind dezentral geworden, und wer heute noch glaubt, seiner Meinung Vorteile verschaffen zu können, indem er Andersdenkenden den Zugang zu irgendwelchen Plattformen versperrt oder nur außerhalb der Öffentlichkeit mit ihnen redet, der hat die neuen Techniken nicht verstanden, und er hat auch nicht verstanden, dass er all diejenigen verliert, die Meinungsfreiheit ernst nehmen.

Wir müssen unterscheiden zwischen „Plattform geben“ und „Diskutieren“: Mit unserem Team betreibe ich das Unperfekthaus in Essen, ein neuartiges Zentrum, in dem Menschen fast ohne eigene Kosten ihren Projekten nachgehen können. Im Moment sind über 1500 Aktive aus über 30 Ländern dort registriert, und man kann sich vorstellen, wie vielfältig die Meinungen und Aktionen im Haus sind. Wir stellen unsere Ressourcen auch für Projekte zur Verfügung, die wir selbst nicht gut heißen, aber unsere Grenze ist da erreicht, wo Vielfalt und Respekt angegriffen werden. Solchen Denkweisen geben wir keine Plattform zur Verbreitung ihrer Gedanken, aber sachlich kontroverse Diskussionen in friedlicher, freundlicher Atmosphäre begrüßen wir auch mit solchen Menschen.

"Da müssen wir durch..."

Genau darauf kommt's an. Wer etwas gegen Flüchtlinge, Schwule, Schwarze,... hat, der muss Situationen erleben, in denen er mit Andersdenkenden diskutiert, Gegenkräfte spürt. Und das passiert nur, wenn er keine Angst hat, sich zu erkennen zu geben. Andernfalls bleibt er heimlich bei seiner Meinung, handelt heimlich, und wir wundern uns über Statistiken, wonach einige Vermieter nicht gern an Angehörige bestimmter Gruppen vermieten oder über viele andere Diskriminierungen.

Wiesemann
Reinhard Wiesemann, Gründer des Unperfekthauses Essen

Ein Zurück zu den alten Zeiten, in denen wir ohne viel von den Nachbarn zu wissen, mehr oder weniger freundlich nebeneinander her gelebt haben, ist weder möglich, noch erstrebenswert. Deshalb brauchen wir jetzt eine gesellschaftliche Kultur, die damit zurechtkommt, dass wir wissen, wie die Anderen denken und uns trotzdem nicht mit Hass und Gewalt begegnen. Der Austausch verschiedener Meinungen wird selbstverständlicher als je zuvor, und weil das ganz sicher nicht immer ohne Emotionen bleiben wird, brauchen wir eine regelrechte Streitkultur: In der Sache hart zu diskutieren, aber menschlich freundlich und liebevoll zu bleiben, muss eingeübt werden!

Wem seine Meinung wichtig ist, der muss sich Diskussionen stellen, und wenn diese angstfrei in freundlichem menschlichen Umfeld erfolgen, dann werden sich die klügeren Meinungen durchsetzen. Da müssen wir durch... und das lohnt sich!

Als Unperfekthaus haben wir deshalb den Streitkultur-Award ins Leben gerufen. Um das  Preisgeld von insgesamt 20.000€ können sich diejenigen bewerben, "die hart in der Sache, aber liebevoll im menschlichen Umgang mit Andersdenkenden reden". Kennen Sie Personen oder Organisationen, die in diesem Sinne beispielhaft aktiv sind? Bitte schreiben Sie mir! Die Vorschlagsfrist läuft bis zum 30. November. Mehr unter: www.streitkultur-award.de.

Zum Autor:

Reinhard Wiesemann (*1959) ist Unternehmer, Mäzen und Gründer des „Unperfekthauses“ in Essen. Das Zentrum für Gründer und Künstler bietet aktuell etwa 1500 Aktiven aus 26 Ländern Raum, Projekte zu entwickeln.

Titelfoto: Rawpixel (CC0)

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