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08.12.2017

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Konstatin Welker und Lea Raschewski, Campaigner der Initiative Offene Gesellschaft

„Mauern durchbrechen oder zumindest daran rütteln“ – Utopie und Alltag in der Justizvollzugsanstalt

Eine politische Diskussionsveranstaltung mit Jugendlichen, die keine Chance hatten, an unseren bisherigen "Utopie & Alltag"-Debatten teilzunehmen – Haftinsassen. Wir bringen die Debattenreihe ins Gefängnis.

Die Diskussion findet an einem gut gesicherten Ort statt. Klingeln, Ausweis vorlegen, Wertsachen einschließen, danach wird mit zwei handtellergroßen Schlüsseln eine nach der anderen Türe für uns geöffnet und direkt hinter uns wieder verschlossen. Wir werden auf ein großes Gelände geleitet, rechter Hand ein Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert, groß und kunstvoll wie eine Kathedrale. Später wird einer der Insassen sagen: „Wir nennen das hier Jugendherberge“– ich verstehe es als Ironie, aber er meint es ernst. In die Justizvollzugsanstalt Oslebshausen bei Bremen sind meine Kollegin Lea und ich gekommen, um ein Experiment zu wagen.

Wie ist der Blick auf die Gesellschaft, wenn man seit Jahren nicht aktiv an ihr teilhaben kann? Hat die Gesellschaft eine realistische Vorstellung vom Leben hinter Gittern? Geplant war, dass unsere Veranstaltung bereits einen Monat zuvor stattfindet, sie war jedoch kurzfristig von der Gefängnisleitung abgesagt worden, wegen „außerordentlicher Vorkommnisse“. Die Insassen hatten sich nicht regelkonform verhalten, zu ihrer Bestrafung wurde die Veranstaltung gestrichen. Nun also unser zweiter Versuch.

„Was würdest du tun, wenn du König von Deutschland wärst?“

Bald nach unserer Ankunft sitzen Lea und ich mit fünf Insassen aus Block D und dem Theaterpädagogen Felix, der unseren Besuch möglich gemacht hat, in einer zur Sporthalle umfunktionierten ehemaligen Kapelle. Bei dem Rollenspiel „König von Deutschland“ hat Ahmed*, ein aufgeweckter 17-jähriger mit schwarzer Cap, eben sein eigenes politisches Programm improvisiert. Wie ein routinierter Wahlkämpfer ruft er: „Ich werde Brot regnen lassen in den armen Regionen der Welt!“ und beweist sich in der Rolle als Alleinunterhalter durch Sätze wie „Und in jeder Stadt gibt es eine Filiale von ‚Die Ahmed-Krabbe’, genau wie bei SpongeBob.“ Schließlich bringt er auch eine Idee vor, die Lea und mich schon in der Organisation der Veranstaltung angetrieben hat: „Und ich will, dass jeder Mensch für einen Tag einen Rollentausch mit einem anderen machen muss.“

„Die Jugendzentren zu schließen, das war echt das Schlimmste, was sie machen konnten.“
JVA-Häftling Chris*, 21 Jahre alt

Rollentausch: Mauern durchbrechen oder zumindest daran rütteln – im Kopf und im Gefängnis. Indem Ahmed das sagt, ist er etwas auf der Spur, dem wir in unserem Jugendforum weiter nachgehen wollen: Was bedeutet Empathie für das Leben von Menschen in unserem Alter, aber mit grundverschiedenen Lebensrealitäten? Ich kann mich unmöglich in die Welt einer Person hineinversetzen, die seit Monaten, seit Jahren in der JVA Oslebshausen sitzt. Die Haftinsassen machen ihre Lebensumstände trotzdem unmissverständlich deutlich und ihr klarer Blick auf die Gesellschaft trifft mich. Chris*, 21, zierlich, lustig und redegewandt, erzählt uns von seiner Geschichte: „Da wo ich wohne, gab es früher viele soziale Einrichtungen und Jugendzentren, mit Dartscheiben, Kickern und so weiter. Und irgendwann wurden die alle geschlossen und die Leute haben dann wieder auf der Straße rumgehangen und Scheiße gebaut. Die Jugendzentren zu schließen, das war echt das Schlimmste was sie machen konnten.“

Amerikanischer Traum trifft deutsches Strafrecht

Doch die Analyse der Jugendlichen ist nicht immer stringent – sie beinhaltet auch Ambivalenzen, Unsicherheiten und Wiedersprüche. Zu Chancengleichheit hat Ahmed eine klare Meinung: „Ich finde in Deutschland hat jeder die gleichen Möglichkeiten in der Gesellschaft. Jeder hat seine Zukunft selbst in der Hand.“ Eine Idealisierung des „American Dream“, dem der sonst so muntere Chris widerspricht: „Bei einer normalen Familie in Deutschland hat der Vater einen Job und die Mutter einen Job, da werden die Kinder mit dem Auto in die Schule gebracht. Das hatte ich alles nicht! Das sollte ein Richter schon mal nachvollziehen können.“ Zwischenzeitlich frage ich mich, ob die Jungs nicht etwas zu viel Verantwortung auf die Gesellschaft auslagern: „Ich bin 50% zu Recht hier und 50% zu Unrecht“, sagt Ahmed. Ob meine Strafrechtsprofessorin das auch so sehen würde?

Ben*, 15 Jahre alt, dessen runder Kopf aus seinem blauem Pullover guckt, hat in der Diskussion fast nichts gesagt. Er scheint noch nicht lange in der „Jugendherberge“ zu sein. Auf die Frage, ob die Gesellschaft einem denn eine zweite Chance gewähre, berichtet er von seinem großen Bruder: „Ich habe das bei meinem Bruder erlebt. Er war drei Jahre im Knast und er kam raus und keiner wollte mehr was mit ihm zu tun haben. Seine ganzen Freunde, meine Mutter, die haben sich auf einmal von ihm abgewendet. Das wird bei mir genauso sein.“

Fragen an eine ungewisse Zukunft außerhalb der Gefängnismauern

Ben scheint nicht der Einzige zu sein, der diese Befürchtung hat. Denn nicht nur wir wollen etwas erfahren, es gibt auch viele Fragen an uns. Ahmed fragt: „Kann ich mit meiner kriminellen Vergangenheit Politiker werden? Wenn ich hier raus bin, will ich auf jeden Fall für den Staat arbeiten, vielleicht Bulle, Beamter oder zum Bund.“ Von jemandem, der „den Staat“ nur in seiner repressivsten Form erlebt, finde ich das eine bemerkenswerte Aussage. Bemerkenswert in jeder Hinsicht, ist auch, was Chris fast nebenbei erzählt. „Ich bin schon zurecht hier, ich habe versucht jemanden umzubringen. Gut, ich war unter Drogen, aber ich habe versucht, jemanden umzubringen.“ Kann ich mich in Chris hineinversetzen? Vermutlich nicht. Aber ist es ein Grund die Kommunikation abzubrechen? Im Gegenteil. Die Erkenntnis am Ende der zwei Stunden, ist so einfach wie grundlegend: es braucht mehr Austausch – auch über Gefängnismauern hinweg.

*Name geändert.

Über die Autoren: Lea Raschewski und Konstantin Welker sind Campaigner der Initiative Offene Gesellschaft und haben im Rahmen der jungen Debattenreihe "Utope & Alltag" im Oktober 2017 die JVA Bremen-Oslebshausen besucht.

Titelbild: Wikimedia Commons, CC0

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