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27.09.2017

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Initiative Offene Gesellschaft / Alexander Wragge

Mirbach: "Die Zivilgesellschaft ist engagiert und schlagkräftig"

Schreihälse dominieren die öffentlichen Debatten, kritisiert Ferdinand Mirbach, Senior Projektmanager bei der Robert Bosch Stiftung. Auch deshalb hat die Stiftung "Aktionen für eine Offene Gesellschaft" im ganzen Land gefördert.

Von der Sprühkreide über die Raummiete bis zum Plakat – Aktionen für eine offene Gesellschaft kosten Geld. Im Rahmen von "365 Tage offene Gesellschaft" hat die Robert Bosch Stiftung das Engagement kleinerer Initiativen, Gruppen und Vereine gefördert  vom Erzählcafé in Leipzig bis zum Open Space in Schwerin. Unterstützt wurden 57 Projekte mit jeweils bis zu 3.000 Euro. Wir haben Projektleiter Ferdinand Mirbach nach seinen Erfahrungen mit dem Programm „Aktionen für eine Offene Gesellschaft“ gefragt.

Seit Herbst 2016 haben wir als Initiative gemeinsam mit sehr vielen Menschen und Organisationen im ganzen Land ein Zeichen für eine offene Gesellschaft gesetzt (Video). Mit welchem Ziel hat die Robert Bosch Stiftung so viele der Aktionen vor Ort unterstützt?

Ferdinand Mirbach
Ferdinand Mirbach, Senior Projektmanager bei der Robert Bosch Stiftung.

Ferdinand Mirbach: Wir haben die von der Initiative Offene Gesellschaft angestoßenen Diskussionsveranstaltungen von Anfang an interessiert verfolgt und waren der Überzeugung, dass es genau solche Debattenformate braucht, um Menschen über demokratische Werte und die Grundlagen unseres Zusammenlebens ins Gespräch zu bringen.

Allerdings hatten wir den Eindruck, dass sich primär Bildungsbürger und ohnehin weltoffene Menschen an den Debatten beteiligten, was sicherlich auch an den Veranstaltungsorten – Theaterhäuser, Universitäten, Bildungseinrichtungen – lag. Was aber ist mit dem „normalen Bürger“ auf der Straße? Was ist mit der Schülerin, die sich ehrenamtlich engagiert, oder dem anpackenden Handwerker? Auch sie wollen gesellschaftlich etwas bewirken, nehmen aber nicht zwingend an politischen Debatten in einem Theater teil. Mit unserer Förderung im Rahmen der „Aktionen für eine Offene Gesellschaft“ wollten wir diesen Menschen ein Angebot machen, um sich tatkräftig für Demokratie, Toleranz und Zusammenhalt einzusetzen.

"Miteinander schaffen wir mehr"

Begegnungen, Diskussionen, Kunstaktionen ... warum ist es wichtig, dieses Engagement zu unterstützen?

Ferdinand Mirbach: Wenn wir der Berichterstattung in den Medien oder der Darstellung manch einer politischen Gruppierung Glauben schenken, steht unsere Gesellschaft samt all ihrer kulturellen Errungenschaften kurz vor dem Kollaps. Ich persönlich halte das für überzeichnet, denn Behauptungen werden nicht dadurch wahr, dass man sie möglichst laut in die Welt hinausschreit. Genau darin liegt aber das Problem: die Schreihälse dominieren die öffentlichen Debatten und prägen dadurch ein schräges Bild auf das, wie unsere Gesellschaft ist und wie sie in Zukunft sein wird.

Ich glaube, dass genau hierin ein Mehrwert der von uns geförderten Aktionen liegt: sie erden die Diskussion, indem sie verdeutlichen, dass wir unterm Strich doch alle einfach nur gut und friedvoll zusammenleben wollen. Sie ermöglichen niedrigschwellige Begegnungen, in denen wir erkennen, dass wir vor „dem Fremden“ keine Angst haben müssen. Und sie zeigen, dass wir miteinander immer deutlich mehr schaffen als gegeneinander.

Zeichen für Zusammenhalt

Bei Ihnen haben sich nun Engagierte aus ganz Deutschland gemeldet. Vor welchen Hürden stehen diejenigen, die vor Ort was tun wollen?

Ferdinand Mirbach: Ich kenne aus meinen Kindertagen noch ein Brettspiel mit dem Titel „Ohne Moos nix los!“. Das trifft natürlich auch für Menschen zu, die sich engagieren wollen. Zeit bringen viele Engagierte bereitwillig ein, aber fast zwangsläufig entstehen dann doch auch Kosten: sei es für den Druck eines Flyers, für die Bühne bei einer Veranstaltung oder für Materialien. Mit unserer Förderung konnten wir helfen, zumindest dieses Problem zu lösen. Eine weitere Herausforderung liegt in der Gewinnung von Mitstreitern und von Menschen, die sich für die Aktion interessieren lassen, die angeboten wird. Erfreulicherweise schien aber auch diese Hürde von den meisten der von uns Geförderten erfolgreich genommen worden zu sein.

Die Stimmung ist mancherorts aufgeheizt. Gab es Widerstand gegen einzelne Projekte?

Die von uns unterstützten Aktionen sollten ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Zusammenhalt setzen. Leider kann man nicht per se voraussetzen, dass alle Menschen gleichermaßen hinter diesen Werten stehen. Insofern hatten wir durchaus die Befürchtung, dass Engagierte Anfeindungen ausgesetzt sein könnten, wenn sie sich offen für Flüchtlinge, Homosexuelle oder andere Gruppen einsetzten. Glücklicherweise ist mir nichts von Übergriffen zu Ohren gekommen, auch von fliegenden Tomaten wurde mir nicht berichtet.

Kreative Wege

Wie vielfältig sind die geförderten Projekte?

Ferdinand Mirbach: Uns wurden Projekte aus dem gesamten Bundesgebiet, aus ländlichen Gegenden und städtischen Ballungsräumen zur Förderung vorgeschlagen, was uns sehr gefreut hat. So groß wie die regionale Streuung war dann auch die inhaltliche Bandbreite: vom LesBiSchwulen Parkfest, interkulturellen Sportfesten und einer Radtour für Demokratie, über einen Bus der Begegnungen, Theaterstücke und Festivals für Toleranz, hin zu politischen Debatten von Jugendlichen und einer Plakataktion, die für Toleranz warb. Auffallend war, dass häufig auf kreativem Weg und mit ausgefallenen Mitteln ganz unterschiedliche Menschen zusammengebracht wurden, um sich kennenzulernen und Vorurteile abzubauen.

Bleibt Ihnen eine Aktion besonders in Erinnerung?

Ferdinand Mirbach: Jedes Projekt hat seinen ganz eigenen Wert und bleibt damit auch in Erinnerung. Deshalb fällt es mir schwer, einzelne Beispiele besonders herauszuheben. Aber um zu verdeutlichen, dass man manchmal auch Umwege gehen muss, um Menschen und dann sein Ziel zu erreichen, möchte ich doch ein Projekt anführen: Im Projekt „Anderes Deutschland?“ hat ein Berliner Künstler mitten auf der Straße gefakte DM-Münzen fallen lassen. Er hat quasi Köder ausgelegt, nach denen sich wie erwartet viele Bürgerinnen und Bürger bückten, denn wir wissen ja alle: „Wer den Cent nicht ehrt, ist den Euro nicht wert.“ Auf die an sich wertlosen Münzen waren eine Frage und eine Webadresse geprägt. Die eigentliche Diskussion darüber, in welchem Land und wie wir miteinander leben wollen, wurde dann also erst in einem zweiten Schritt auf der Website von den Findern der Münzen diskutiert.

"Wir sollten uns freuen..."

Wenn Sie zurückblicken, was haben Sie im Rahmen des Förderprogramms über die Zivilgesellschaft in Deutschland gelernt?

Ferdinand Mirbach: Grundsätzlich stellen wir in unserer Förderung fest, dass es oft nicht große Summen sind, die ein wirklich großes Projekt ausmachen. In vielen Fällen gehen die Akteure der Zivilgesellschaft mit bewundernswertem Engagement und hoher Einsatzbereitschaft an ihre Projekte heran und leisten dabei Vieles im Ehrenamt. Oft sind es nur kleine finanzielle Beträge, die bspw. für Sachmittel oder zu Initiierung eines Projektes fehlen. Genau diesem Ansatz sind wir bei den „Aktionen für eine Offene Gesellschaft“ gefolgt: beantragt werden konnten bei uns kleinere Summen zur Deckung von Sachkosten, das war es dann auch schon. Was die Geförderten dann daraus gemacht haben, war häufig beeindruckend.

Was ich also über die Zivilgesellschaft in Deutschland gelernt habe? Sie ist engagiert, sie ist schlagkräftig, sie steht für das große Ganze ein. Wir sollten uns darüber freuen, in unserem Land über eine derart starke Zivilgesellschaft zu verfügen.

Zur Person: Dr. Ferdinand Mirbach ist Senior Projektmanager bei der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Er arbeitet im Themenbereich Gesellschaft und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit bürgerschaftlichem Engagement, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Vielfalt.

Hinweis: Einen Überblick über die von der Robert Bosch Stiftung geförderten Aktionen gibt es mit Kurzbeschreibungen unter: www.bosch-stiftung.de/offenegesellschaft.

Fragen: Alexander Wragge

Titelfoto: Projekt Denkende Gesellschaft.  Die Idee des von der Robert Bosch Stiftung gefördertern Projekts: Mit Menschen reden, auf der Straße und an der Haustür.

 

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