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13.12.2016

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Fred Luks

Ökos, raus aus Eurer Bubble!

Die soziale Frage nicht stellen? Den erstarkenden Populismus ignorieren? Für die Nachhaltigkeits-Community ist das keine Option, soll ein ökologischer Umbau der Gesellschaft gelingen. Ein Beitrag von Fred Luks.

Viele, zu viele Leute, die sich für „Nachhaltigkeit“ einsetzen, agieren unpolitisch. Wer „unpolitisch“ genannt wird, gilt in bestimmten Kreisen – universitäre Biotope, Nachhaltigkeitsszene, Umweltbewegung – bekanntlich als rechts, unreflektiert, naiv oder einfach nur blöd. Auf diese Diagnose kann man unterschiedlich reagieren. So könnte man sehr grundsätzlich fragen, ob es so etwas wie echte Nachhaltigkeitspolitik überhaupt gibt und was das für die „Ökos“ heißt.

Ich will hier weniger fundamental ansetzen und einen Blick auf den Nachhaltigkeitsdiskurs werfen und auf dessen blinde Flecken. In der Nachhaltigkeitsszene gibt es leider einen Selbstbestätigungsdiskurs, der oft auf gegenseitiges Schulterklopfen hinausläuft. Das kann thematische Engführungen zur Folge haben: Man spricht zwar viel über den umfassenden Umbau der Gesellschaft – aber weniger darüber, was in dieser Gesellschaft gerade los ist. Dass aber ein sozial-ökologischer Umbau nicht gelingen kann, wenn man aktuelle politische Themen wie Verteilung und Populismus (AfD! Front National!! Trump!!!) außen vor lässt, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Was übersehen wird

Das Übersehen unangenehmer sozialer Tatsachen ist nicht nur für die „Ökos“ ein Problem, sondern für sich kritisch positionierende Diskurse überhaupt. Jüngstes Beispiel: Carolin Emcke, aktuelle Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, hat ein interessantes Buch geschrieben. Gegen den Hass ist ein gewiss als Ermutigung gemeintes Plädoyer, das fundamentalistische Sehnsüchte nach Homogenität und Reinheit klug auseinandernimmt. Doch leider wird das Buch wahrscheinlich weder für den Frieden noch gegen den Hass viel ausrichten – denn es bleibt unklar, wie Adam Soboczynski in der Zeit festgestellt hat (und dafür teilweise wüst beschimpft wurde), auf welche Weise Emckes dekonstruktivistische Übungen politisch und gesellschaftlich wirksam werden können. Die (natürlich immer zu interpretierenden) harten sozialen Fakten, mit denen der sich ausbreitende Hass ja auch zu tun hat, bleiben im Hintergrund. Wenn man auf gesellschaftlichen Fortschritt aus ist, muss man aber handfeste soziale und ökonomische Entwicklungen zur Kenntnis nehmen. Didier Eribon hat das in seinem gefeierten Buch Rückkehr nach Reims sehr anschaulich gezeigt: Die „Gewalt der sozialen Welt“ (Eribon) prägt gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebensläufe. Dass das regelmäßig übersehen wird, ist ein Problem – auch eines der Nachhaltigkeitsdebatte.

Die Verteilungsfrage als Schlüsselfaktor

Demokratie und Nachhaltigkeit werden eben nicht nur durch Wachstum und Digitalisierung bedroht, sondern auch durch Verteilungsprobleme und Populismus. Das nicht sehen zu wollen, ist unpolitisch. Die entscheidende Frage, wie alles zusammenhängt, wird von „Ökos“ oft nicht gestellt. Dass ökologische und soziale Fragen auf das Engste zusammenhängen, dürfte aber klar sein. Das heißt auch, dass man das Soziale und das Politische mitdenken muss, wenn man an Nachhaltigkeit interessiert ist.

Wer die Moderne modernisieren will, wer eine sozial-ökologische Kultur voranbringen möchte, wer sich für eine nachhaltige Wirtschaft interessiert, die nicht auf dauerndes Wachstum angewiesen ist – der oder die kann nicht unberücksichtigt lassen, dass die Verteilung von Einkommen, Vermögen, Arbeit, Lebenschancen und Umweltverbrauch eine zentrale Frage unserer Zeit ist. Von den großen weltweiten Ungleichheiten ganz abgesehen: Auch innerhalb reicher Gegenwartsgesellschaften ist Verteilung ein Schlüsselfaktor für eine gelingende Transformation. Und zwar einer, der eng mit der populistischen Bedrohung zusammenhängt, die im krassen Gegensatz zu allen Hoffnungen auf Nachhaltigkeit steht und die Armuts-, Migrations- und Globalisierungsthemen instrumentalisiert.

Diese Fragen werden im Nachhaltigkeitsdiskurs (zu) selten thematisiert. Eine Transformation muss aber hier und heute anfangen, einen anderen Ansatzpunkt haben „wir“ nicht. Und das Hier und Heute ist eben nicht von Interessenharmonie, Reflexivität und Ökologieorientierung geprägt, sondern von Verteilungsproblemen, Populismus und Wachstumsdenken. Eine politisch wirksame Nachhaltigkeits-Community müsste das zur Kenntnis nehmen.

Populismus thematisieren

Daraus folgt unter anderem, dass das in dieser Community so oft gehörte „Wir“ hinterfragt gehört. Denn „wir“ sind am Verbrauch von Ressourcen und am Ausstoß von Treibhausgasen durchaus unterschiedlich beteiligt: Reiche Menschen haben meist einen höheren Anteil am Umweltverbrauch als arme. Und arme Menschen sind von Umweltbelastungen in der Regel stärker betroffen als reiche.

Und es folgt, dass auch die Nachhaltigkeitscommunity angesichts des grassierenden Populismus wachsam sein muss – und aufpassen sollte, selbst nicht populistisch zu agieren. Sprüche wie „Unser Postwachstum ist nicht eure Krise“ sind zwar polemik-, aber kaum politiktauglich. Die Wachstumsfrage ist aufs Engste mit der Verteilungsfrage verknüpft. Es liegt auf der Hand, dass dieses ohnehin heikle Thema in einer Wirtschaft ohne Wachstum massiv an Brisanz gewinnen wird. Sich nicht zu fragen, was das für die populistische Bedrohung bedeuten würde, wäre in der Tat unpolitisch. Wer eine sozial-ökologische Transformation fördern und eine reduktive Moderne in die Welt bringen will, muss deshalb auch Verteilungsfragen und populistische Strömungen thematisieren. Alles andere wäre am Ende selbst populistisch.

Hinweis: Dieser Text ist die überarbeitete Fassung eines Artikels, der unter dem Titel „Kein Öko ohne AfD“ in der Online-Ausgabe des Magazins zeozwei erschienen ist.

Zum Autor: Fred Luks leitet das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er bloggt unter www.fredluks.com. Luks arbeitet gerade an seinem nächsten Buch „Brot und Spiele. Überleben und gut leben im 21. Jahrhundert“.

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