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07.01.2019

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Interview mit Philip Elsen

Old-School-Gemäuer war gestern

Oft sind Schulen recht geschlossene Anstalten. Am Beethoven-Gymnasium in Berlin ist das anders. Hier mischt sich der Politik-Lehrer Philip Elsen mit seinen Schülerinnen und Schülern in gesellschaftliche Debatten ein. Sie treffen sich mit Geflüchteten, diskutieren öffentlich die Arbeit 4.0 oder drehen ein Video zur Kinderarmut. Ein Gespräch über zeitgemäße Bildung.

Philip Elsen
Philip Elsen ist Politik-Lehrer am Beethoven Gymnasium in Berlin und Freund der Offenen Gesellschaft.

Mit Deinen Schülerinnen und Schülern suchst Du immer wieder den öffentlichen Austausch zu gesellschaftlichen Fragen. Warum?

Philip Elsen: Zunächst einmal: Schule darf nicht im luftleeren Raum stattfinden. Sie muss sich auf die dramatischen Veränderungen im 21. Jahrhundert ein- und umstellen, vom Klimawandel über die Digitalisierung bis zum autoritären Nationalismus. Klaus Staeck würde sagen: ‚Nichts ist erledigt.‘ Damit Schule ihrem Bildungsanspruch und dieser Zeit gerecht werden kann, muss sie sich meines Erachtens öffnen. Sie sollte sich mit außerschulischen Institutionen vernetzen und die öffentliche Debatte suchen, die Mauern der Old-School-Gemäuer überwinden.

Warum ist die Stimme von Schülerinnen und Schülern in der öffentlichen Debatte wichtig?

Philip Elsen: Oft heißt es, die Schülerinnen und Schüler seien unsere Zukunft, ihre Bildung sei im rohstoffarmen Deutschland unsere wichtigste Ressource. Und dann nicken immer alle. Leider führt das noch nicht dazu, die Perspektiven der Schülerinnen und Schülern selbst ausreichend zu berücksichtigen. Sie sind es, die unsere Zukunft gestalten werden, zum Beispiel die Arbeit 4.0. Auf sie kommt es an, wenn wir die Nachhaltigkeitsziele der UN erreichen wollen.

Ein Film, der betroffen macht

Deine Schülerinnen und Schüler haben zum Beispiel ein Video zur Kinderarmut gedreht (Facebook, Vimeo). Es zeigt, wie ungleich die Startbedingungen für Kinder und Jugendliche in Deutschland immer noch sind, wie sehr sie etwa vom Einkommen der Eltern abhängen (Mehr). Welche Reaktionen habt ihr erlebt?

Philip Elsen: Das Video wurde auf verschiedenen Kanälen mehr als 60.000 Mal angesehen. Alle möglichen Organisationen und Initiativen kamen auf uns zu und haben es gezeigt, von der Bertelsmann-Stiftung bis UNICEF. Die Schülerinnen und Schüler wurden sogar ins Kanzleramt eingeladen, als sie mit dem Video einen Preis der Bundeszentrale für politische Bildung gewannen. Das alles hat uns sehr überrascht und gefreut. Wichtiger ist aber: der Film hat viele Menschen wirklich betroffen gemacht und für den Missstand der Kinderarmut sensibilisiert. Das war das Ziel. Jetzt geht es darum, die Mobilisierung für mehr Chancengleichheit nicht verpuffen zu lassen.

Mit Aktionen wie dieser lernen Deine Schülerinnen und Schüler, sich gesellschaftlich einzubringen. Ist Dir das eigentlich wichtiger als eine 1 im Diktat?

Philip Elsen: Um Autor des eigenen Lebens werden zu können, ist auch gute Rechtschreibung wichtig. Aber im Ernst: es geht uns um eine ganzheitliche und transformative Bildung. Es geht darum Räume zu schaffen, in denen junge Menschen ihre Potenziale und Talente mit Kreativität und Begeisterung entfalten können, in denen sie sich als Individuen wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen. Gleichzeitig wollen wir den Schülerinnen und Schülern die Verantwortungsübernahme ermöglichen, für sich selbst, die Mitmenschen und die Umwelt. Hannah Arendt hat es einmal so gesagt: ‚Jemand, der weiß, dass er widersprechen kann, weiß auch, dass er gewissermaßen zustimmt, wenn er nicht widerspricht‘.

InterviewAlexander Wragge

Titelfoto: Ausschnitt aus dem Film zur Kinderarmut von Schülerinnen und Schülern des Beethoven Gymnasiums Berlin (2018).

Hinweis: Dieser Text ist im Rahmen unseres Printmagazins "#dafür2 - Auf die Freundschaft" entstanden, das am 31. Januar erscheint. Weitere Vorab-Veröffentlichungen finden Sie hier: 

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