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19.07.2017

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Initiative Offene Gesellschaft

Petras: Kunsttempel war gestern

Waffenexporte? Asyl? Europa? Immer mehr Menschen gehen ins Theater, um dort über Politik zu diskutieren. Was können die Bühnenhäuser als Orte der Demokratie leisten? Ein Interview mit Armin Petras, Schauspielintendant am Staatstheater Stuttgart.

Armin Petras Foto: Foto: Fabian Schellhorn
Armin Petras
Foto: Fabian Schellhorn

Das Staatstheater Stuttgart lädt seit 2016 regelmäßig zu politischen Debatten ein - im Rahmen unserer bundesweiten Reihe „Welches Land wollen wir sein?“. Inzwischen stehen auch Einzel-Aspekte in Stuttgart zur offenen Diskussion, etwa (alternative) Wirtschaftsformen und die Zukunft Europas. Wir haben Intendant Armin Petras nach seinen Erfahrungen mit der neuen Debatten-Bewegung gefragt, die an vielen Theatern zu beobachten ist.

Beginnen wir mit einer Äußerung aus dem Publikum. Bei einer Zukunftsdebatte im Theater Ingolstadt sagte jüngst ein älterer Besucher: „Wir leben in einer wunderbaren Zeit“. Sein Eindruck: jetzt erleben wir politische und gesellschaftliche Aufbruchsstimmung. Jetzt wird endlich wieder gestaltet, gegen die Alternativlosigkeit. Erleben Sie den Zeitgeist auch so?

Armin Petras: Von einer wunderbaren Zeit würde ich noch nicht sprechen. Aber es ist viel in Bewegung. Drei Dinge werden in meiner Wahrnehmung immer stärker hinterfragt: unser Umgang mit dem Klimawandel, unsere Antworten auf das Elend in weiten Teilen der Welt, und das Verhältnis zwischen Kapital und Politik. Viele Bürgerinnen und Bürger beschäftigt, wie wir als Demokratie wieder handlungsfähig werden. Es gibt das große Bewusstsein, in Zeiten des Wandels zu leben. Da wird viel nachgedacht.

Ein großes Thema ist dieser Tage auch die Spaltung der Gesellschaft. Viele fragen sich, wie sie zusammenfinden - die Alten und Jungen, die Progressiven und Konservativen, die Armen und Reichen, die Großstädter und die Menschen auf dem Land …Was kann das Theater hier leisten?

Armin Petras: Das Theater als reiner Kunsttempel ist heute nicht mehr gefragt. Es geht darum, eine starke Plattform zu sein, für Diskussionen und Auseinandersetzungen in der Bevölkerung, auch über politische Themen. Wir setzen auf Teilhabe und Anteilnahme. Wir binden die Zuschauer ins Programm ein. Wir versuchen das Haus so weit wie möglich zu öffnen, Schwellenängste abzubauen und in die offene Diskussion zu kommen. Die eher theaterfernen Jüngeren erreichen wir zum Beispiel, indem wir in die Schulen gehen und auch dort arbeiten. Im Kern haben wir natürlich das klassische Theaterpublikum. Aber dieses Publikum wollen wir dafür gewinnen, sich nicht nur einen Goethe anzuschauen, sondern selbst zu diskutieren.

Offline - eine Wiederentdeckung

Am Schauspiel Stuttgart laden Sie monatlich zu Debatten über gesellschaftliche Fragen ein. In Berlin hat das Gorki-Theater mit seinem Forum einen neuen öffentlichen Raum für Politisches geschaffen. Liegt die Debatte am Theater im Trend?

Armin Petras: Absolut ist das ein Trend. Die offenen Diskussionen sind auch eine Chance für das, was wir traditionell tun. Wir sagen, das Theater steht nicht nur für Kunst, sondern eben auch für die Begegnung, die Partizipation und die Debatte. Theater sind Orte der Demokratie, an denen sich Menschen aus verschiedenen Generationen und auch verschiedenen Schichten in eine Reihe setzen, ihre Emotionen ausdrücken können. Das ist einzigartig.

Gibt es angesichts der digitalen Überforderung ein neues Bedürfnis, sich persönlich und vor Ort zu begegnen?

Armin Petras: Vielleicht. Manche kommen sicherlich an diesen Punkt, wo sie neu wahrnehmen, dass es noch ein Leben außerhalb des Netzes gibt. Ein Leben, das viel mit dem Körper zu tun hat, mit dem Machen, dem Wir, den gemeinsamen Dingen. Für die Zukunft kann ich mir noch viel mehr Formate vorstellen, in denen wir Politik und Kunst zusammenbringen. Die Mischung aus Performativem und Informativem kann noch viel radikaler ausfallen. Es gibt für diese neuen Mischformen noch keine Ausbildung oder Studiengänge. Aber das wird in den nächsten Jahren kommen.

Obwohl wieder sehr viele Menschen öffentlich diskutieren, bleibt ein oft gehörter Vorwurf, hier würden letztlich Gleichgesinnte unter sich bleiben. Ist das so?

Armin Petras: Es ist ein Schwachpunkt einer jeden Debatte, wenn viele Menschen, erst Recht die mit einer ganz anderen Meinung, nicht zu Wort kommen. Daran ist zu arbeiten. Aber ich würde auch nicht leichtfertig von einem gleichgesinnten Publikum ausgehen. Gerade die Diskussionsreihe „Schauspiel x Die Offene Gesellschaft“ bringt mittlerweile ein sehr diverses Publikum im Schauspiel Stuttgart zusammen – da streiten Euroskeptiker, Brexit-Befürworter und Pulse-of-Europe-Fans. Oder Menschen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, setzen ausländerfeindlichen Hass- und Angst-Parolen konkrete Praxiserfahrung gegenüber. Die Debatten verlaufen kontroverser, als man sich das vorstellen mag. Wenn wir es schaffen, dass an einem Sonntag um 11 Uhr das Theater voll ist, weil hunderte Menschen über Europa miteinander diskutieren, miteinander streiten wollen, finde ich das toll.

Raum zur Reflexion

Ist Ihnen eine Kontroverse besonders in Erinnerung geblieben?

Wir hatten mal eine Diskussion über die Waffenproduktion in Baden-Württemberg. Aus dem Publikum meldete sich eine Frau, die sagte, sie hätte nichts gegen ein Ende der Waffenproduktion in Baden-Württemberg – allerdings nur dann, wenn entsprechend andere Arbeitsplätze geschaffen werden. Ich fand das sehr erhellend. Das Moralische genügt eben manchen nicht. Es bringt die Debatte voran, wenn so etwas auch einmal ganz offen ausgesprochen wird, und nicht nur insgeheim gedacht.

Manche zweifeln am Sinn des neuen Debattierens. Am Ende ist Politik konkrete Parlamentsarbeit: Gesetzestext-Entwürfe, Änderungsanträge, Vermittlungsausschüsse... Bleiben die vielen neuen Diskussionen außerhalb der Parteien, auch im Theater, nicht letztlich folgenlos?

Armin Petras: Nein, es geht einfach um unterschiedliche Dinge. Als Theater sind wir Plattform für Diskussionen, für die gesellschaftliche Verständigung. Wir stellen Bilder her. Das hat natürlich Wirkung. Politik und Medien nehmen sehr wohl wahr, was hier bei uns in Stuttgart diskutiert wird, so mein Eindruck. Für das konkrete Schreiben von Paragrafen sind am Ende natürlich andere zuständig. Wir können einen Raum zur Reflexion bieten – und der Gesellschaft auch den Spiegel vorhalten.

Zur Person:

Armin Petras, 1964 in Meschede (Sauerland) geboren, ist Intendant, Regisseur und Autor. Von 2006 bis 2013 war Armin Petras Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Seit Sommer 2013 ist Armin Petras Schauspielintendant des Staatstheaters Stuttgart.

Interview: Alexander Wragge

Titelfoto: Podium einer "Welches Land wollen wir sein?-Debatte im Oktober 2016 in Stuttgart. Von l. n. r.: Jörg Armbruster, Claus Peymann, Petra Bewer, Harald Welzer und Gari Pavkovic. Foto: Björn Klein, Staatstheater Stuttgart

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