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17.12.2018

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Die Offene Gesellschaft

Pop & Politik

Die Brüder Stefan und Michael Heinrich haben mit ihrer Band KLAN gerade ihr Debütalbum „Wann hast du Zeit?“ veröffentlicht. Ihre Popmusik jubelt dem Publikum gesellschaftliche Fragen unter. Ein Gespräch über Haltung und Coolness

Im letzten Jahr wart ihr mächtig am Arbeiten – das Debütalbum, Video-Drehs, Auftritte. Wie habt ihr da eigentlich den gesellschaftlichen Dauerstress erlebt, etwa Ausschreitungen in Chemnitz und Köthen und die Verrohung der Debatte ...?

Michael: Ich merke, dass ich sehr oft ganz nah dran bin. Mein Gefühl dieser Gesellschaft und diesem Land gegenüber ist mittlerweile tagesabhängig. Und ich frage mich, wie viel Sinn diese Getriebenheit macht, oder ob mediale Hypes und übersteigerte Diskussionen mich viel zu sehr beeinflussen. Wenn sich die gesellschaftliche Stimmung so aufheizt, bin ich davon eher überfordert.

Fehlt Dir bei in der aktuellen Empörungskultur der Raum, mal richtig nachzudenken?

Michael: Mir fehlt der Weitblick. Es hilft nicht, jeden Tag auf das Tagesgeschehen zu starren, darauf zu warten, was in dieser oder jener Kleinstadt in Sachsen als Nächstes passiert. Wichtiger sind die langfristigen Ideen und Perspektiven für die Gesellschaft. Nur in Momenten, in denen ich ganz bei mir bin, kann ich darüber nachdenken. Wie kann zum Beispiel eine globale Gesellschaft entstehen, die nicht nur ein Wirtschaftssystem teilt, sondern auch eine gemeinsame Ethik?

Wie siehst Du das Stefan?

Stefan: Ich war in diesem Jahr trotz der Arbeit am Album viel auf Demos unterwegs, in Neukölln, in Chemnitz und Berlin. Ich stehe da aber nicht, und rufe ‚Alerta Alerta Antifascista‘, weil ich mich da nicht sehe. Ich will einfach einer mehr sein, der sagt: ‚Ich hab keinen Bock, dass hier die Gewalt in den Straßen um sich greift‘. Gleichzeitig versuche ich zu verstehen, was die andere Seite denkt. Was ist rechte Instrumentalisierung und wo gibt es wirklich Probleme, zum Beispiel mit Kriminalität oder der Integration? Leider habe ich den Eindruck, dass sachliche Gespräche in der aufgeheizten Stimmung kaum möglich sind, dass sie gar nicht mehr gesucht werden. Im schlimmsten Fall zeigen Bundespolitiker der großen Parteien sich gar nicht mehr im Osten, weil dort aufgebrachte Menschen nur noch unschöne Bilder produzieren. So überlässt man das Feld den Extremisten.

Die leisen Töne

Auch eurer Musik merkt man an, dass ihr euch Gedanken macht. Eure Lieder handeln zum Beispiel auch von der Sinnsuche, von einer schwer ergründbaren Melancholie, davon, für nichts richtig Zeit zu haben. Beschreibt ihr damit ein wenig die Stimmungslage eurer Generation?

Michael: Unsere Lieder handeln im besten Fall von uns selbst. Ich kenn ja meine Generation nicht, ich kenn ja nicht alle. Die Texte kommen sehr aus uns und aus mir, und ich hoffe, dass sich viele Menschen damit identifizieren können.

Gedanken zum Zeitgeist kommen bei euch nicht mit der großen Ansage daher, sondern eher fragend, hintergründig, positiv und tanzbar. Ist das die zeitgemäße Form, Pop mit Politik zu verbinden?

Michael: Was die leisen Töne angeht – ich sehe uns da eher verwandt mit Wir sind Helden. Die hatten viele kritische und kluge Gedanken, die sie immer angenehm, witzig, spielerisch verpackt haben. Das spricht mich mehr an als ganz explizite, kämpferische politische Texte.

KLAN bei einem ihrer Konzerte in Berlin
KLAN bei einem ihrer Konzerte in Berlin © www.benhammer.de / ben hammer 

Die Mitte ist erstmal weniger spannend 

Könnt ihr euer junges Publikum so besser erreichen als politische Liedermacher der alten Schule? Seid ihr da anschlussfähiger als – sagen wir – Konstantin Wecker?

Stefan: Das kann schon sein. Es ist auch die Frage, was man eigentlich will. Mir geht es darum, gesellschaftliche Fragen auch einem Pop-Publikum unterzujubeln. Ich will eine politische Öffentlichkeit, in der die richtigen Dinge auch cool sind. So war das zum Beispiel bei der Solidarność-Bewegung in Polen. Die Leute in den Clubs standen politisch auf der richtigen Seite, einfach weil die auch popkulturell die angesagte war.

Ihr kommt beide aus Sachsen. Müsste hier die Mitte der Gesellschaft noch viel energischer Stopp sagen, wenn unsere plurale und offene Gesellschaft in Frage gestellt wird?

Stefan: Das Problem ist, so eine Mitte, so eine Vernunft der Mitte, braucht eine gute Kommunikation, ein gutes Image. Sie ist medial erstmal nicht so spannend wie die Leute, die schreien. 

Michael: Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass es alltäglicher wird, politisch zu sein. Das müsste in der Schule anfangen. Bei uns im Unterricht kam die eigene politische Rolle sehr wenig vor. Man hat wenig über gesellschaftliche Prozesse gesprochen. Und wenn, fand das auch niemand cool. Aber ich habe das Gefühl, da tut sich gerade viel in der Gesellschaft.

Erwachsen werden 

In eurem Lied ‚Woran glaubst Du?‘ heißt es: ‚Wir sind ironisch und so unwahrscheinlich klug, doch zum Glauben braucht man Mut‘. Ist das eure Aufforderung, mal für etwas einzustehen, Position zu beziehen?

Michael: Absolut. Wenn man sich den Musik-Mainstream anschaut, gibt's da viel Uneigentlichkeit. Es geht zum Beispiel um‘s ziemlich sinnfrei Zeigen von Konsumgütern oder das ironische Lächeln über den eigenen Hedonismus oder Konsumismus. Vieles davon finde ich geil: Ich höre es gerne. Aber wir haben als Band einen anderen Anspruch. Wir wollen herausfinden, was uns echt wichtig ist, was wir teilen wollen.

Stefan: Ich habe bei dieser Zeile immer mich selbst und meine Peergroup im Kopf. Wir hören coole Musik. Wir gehen auf die richtigen Partys. Aber wir kümmern uns ein bisschen zu wenig darum, wie das Leben um uns herum morgen aussieht. Man soll die Ironie und den Spaß nicht verlieren. Aber es geht irgendwann auch darum, sich einzubringen, erwachsen zu werden.

Ist das gerade der Zeitgeist?

Stefan: Ich glaube schon. Viele Menschen machen sich in der ein oder anderen Form auf den Weg. Es geht jetzt darum, dass die vielen Grüppchen zusammenfinden, die progressiv denken, die gestalten wollen. Ich finde alle Bewegungen gut, die da nach den Gemeinsamkeiten schauen.

Michael: Ich glaube allerdings, dass keine Erlöserfigur um die Ecke kommt. Die Veränderung, die wir wollen, müssen wir schon selbst sein. Mal frei nach Gandhi gesagt.

Ihr singt nicht nur vom Teilen, ihr tut es auch. So habt ihr das Budget für ein Musikvideo zweckentfremdet und an den Verein Start with a Friend und an unsere Initiative Offene Gesellschaft gespendet. Was bedeutet euch eigentlich eine offene Gesellschaft?

Michael: Für mich ist eine offene Gesellschaft einfach die schönste Art zusammenzuleben.

Stefan: Ich finde eine Gesellschaft gut, in der wir immer wieder Fragen stellen und für unser Gegenüber offen sind. Ich habe früher mit Senioren gearbeitet. Dort gab es Menschen, die sehr wach und neugierig waren, die noch Fragen hatten, und es gab Menschen, die alters- oder auch krankheitsbedingt einfach zugemacht hatten, ihre Urteile schon gefällt hatten. Wenn ich mir selbst was wünschen könnte, dann, dass ich so lange wie möglich offen bleibe.

Dem Berliner Publikum hat's gefallen © www.benhammer.de / ben hammer
Dem Berliner Publikum hat's gefallen © www.benhammer.de / ben hammer 

Zur Person: KLAN, das sind die Brüder Michael und Stefan Heinrich aus Leipzig. Seit 2016 machen sie in Berlin gemeinsam Musik. Im April 2018 spielten sie ihre erste eigene Tour, das Debütalbum "Wann hast Du Zeit?" folgte im Oktober.

Interview: Alexander Wragge

Titelfoto: Dorothea Dittrich

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