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22.01.2018

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Initiative Offene Gesellschaft

Schüler vs. Kinderarmut

Mit einem bewegenden Video zeigen Schülerinnen und Schüler, was Kinderarmut in Deutschland eigentlich bedeutet. Im Interview schildern sie, was sie an der bisherigen Debatte stört – und welche Reaktion sie überrascht hat.

Ein Politik-Kurs des Berliner Beethoven-Gymnasium Berlin zeigt mit einem fiktiven Wettrennen, wie ungleich die Chancen in der Gesellschaft verteilt sind. Hier geht's zum Video.
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Mit einem symbolischen Wettrennen zeigen Schülerinnen und Schüler des Berliner Beethoven-Gymnasiums (unter der Leitung des Politiklehrers Philip Elsen), wie ungleich die Startbedingungen für junge Menschen sind. Die beteiligten Schüler Yannik Heinze und Simon Eichmann haben uns Fragen zum Projekt beantwortet.

Mit eurem Video macht ihr eindrucksvoll auf die Kinderarmut in Deutschland aufmerksam. Wie kamt ihr auf dieses Thema?

Yannik Heinze und Simon Eichmann: In Berlin muss fast jedes dritte Kind in Armut leben. Mit unserem Projekt versuchen wir, Aufmerksamkeit auf diese gesellschaftliche Herausforderung zu lenken. Mit dem Thema verbunden sind die Chancenarmut und die in Deutschland immer noch schwache Durchlässigkeit des Bildungswesens. Studien belegen leider immer noch: Das Portemonnaie und der Bildungsgrad der Eltern entscheidet noch zu stark über den Bildungserfolg. Dazu kommen weitere Zahlen, die uns bewegen. So ist die Lebenserwartung von ärmeren Menschen in Deutschland im Durchschnitt fast 10 Jahre geringer als die von reicheren Menschen. Auch die Tatsache, dass gut jeder zehnte Jugendliche in Berlin keinen Schulabschluss schafft, gibt zu denken.

Bei Umfragen auf der Straße fanden wir allerdings heraus, dass nicht jeder die Problematik sieht. In unserem Bezirk ist die Armut nicht besonders groß, sodass sie oft in Vergessenheit gerät. Doch die Chancenungleichheit hat direkte Auswirkungen auf die Zukunft der Kinder. So ein wichtiges Thema darf nicht in Vergessenheit geraten. Uns ist bewusst, dass wir als Kurs einer Schule nicht besonders viel erreichen können. Wir müssen es aber trotzdem probieren. Immerhin: schon nach ein paar Wochen haben über 1000 Leute das Video auf Youtube angeschaut.

Betroffenheit und Wut

Im Video zeigt ihr, von welchen äußeren Faktoren beruflicher und ökonomischer Erfolg abhängt. Zum Beispiel sind Kinder mit Akademiker-Eltern ohne Migrationshintergrund statistisch gesehen im Vorteil. War es schwer, diese Daten zu recherchieren?

Yannik Heinze und Simon Eichmann: Die Recherche zur Kinderarmut in Deutschland und Berlin gestaltete sich unproblematisch. Sie wurde breit untersucht. Wir nutzten zum Beispiel Teile des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2016, sowie eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zur Kinderarmut. Auch die Ergebnisse des Ökonomen Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin waren hilfreich.

Welche Reaktionen habt ihr bislang erlebt?

Yannik Heinze und Simon Eichmann: Bei diesem Kurzfilm war uns vor allem wichtig, dem Zuschauer nahezubringen, was Armut für Kinder bedeutet. Wir haben Reaktionen wie Traurigkeit und Betroffenheit erlebt. Damit hatten wir auch irgendwie gerechnet. Erstaunt hat uns die Wut vieler Zuschauer. Diese richtete sich vor allem gegen die Verantwortlichen des Bildungssystems. Zwar wurden in der Vergangenheit immer wieder Debatten zur Chancengleichheit geführt, für uns wurde aber bislang nicht genug gehandelt.

Es kann nicht sein, dass Chancengleichheit gerade für Kinder und Jugendliche zwar Dauerthema während des Wahlkampfes ist, danach jedoch lieber über die Autobahnmaut oder andere Dinge debattiert wird. Als Kinder und Jugendliche sind wir die wichtigste und wertvollste Ressource, die dieses Land hat. Umso weniger können wir verstehen, warum viele von uns Nachteile haben, ohne dass sie dafür etwas können. Wir brauchen eine Intensivierung der öffentlichen Debatten und vor allem zielgerichtete politische Maßnahmen und konkrete Ergebnisse.

Es bleibt ungerecht ...

Seht ihr die Gefahr, dass die dargestellten Wahrscheinlichkeiten junge Menschen demotivieren – nach dem Muster ‚Mit dem familiären Hintergrund kann ich’s ja eh nicht schaffen‘?

Yannik Heinze und Simon Eichmann: Uns war es ganz wichtig, zu zeigen, dass die Startchancen zwar oftmals unfair verteilt sein können. Gleichzeitig wollen wir aber zeigen, dass man es mit Engagement, Kreativität und Fleiß auch immer ein Stück in der eigenen Hand hat. Wer die eigenen Startchancen als alleinige Begründung für potentielles Scheitern ansieht, der schiebt die Schuld auf andere, anstatt selber auf eine Verbesserung seiner Situation hinzuarbeiten und somit Verantwortung zu übernehmen. Dennoch, es bleibt im Kern ungerecht, wenn nicht alle die gleichen Startchancen haben und stärker mit Faktoren zu kämpfen haben, für die sie selbst nichts können.

Armut nicht stigmatisieren

Was erhofft ihr euch von den privilegierteren Zuschauerinnen und Zuschauern, die so noch nie über ihre Vorteile gegenüber anderen nachgedacht haben?

Yannik Heinze und Simon Eichmann: Diejenigen, die allein durch die Geburt bessere Startbedingungen haben, sollten diese Chancen wertschätzen und mit diesen verantwortungsvoll umgehen. Hierzu zählt unter anderem der respektvolle und vorurteilsfreie Umgang mit allen Menschen, unabhängig vom Elternhaus und dem Geldbeutel der Eltern. Armut darf nicht mehr stigmatisiert werden. Verantwortung bedeutet vor diesem Hintergrund den Schwächeren zu helfen, anstatt diese zu verurteilen.

Fragen: Alexander Wragge

Hinweis: Das Beethoven-Gymnasium will das Projekt zu Kinderarmut und Chancengleichheit fortsetzen und freut sich über Vernetzung. Ansprechpartner ist Philip Elsen.

 

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