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06.12.2018

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Justine Ohlhöft

Schwerin für alle – Wie eine Stadt neu zusammenfindet

Von Hamburg bis Kandel, von Hannover bis Chemnitz – überall im Land gehen Menschen für eine humane, freie und offene Gesellschaft auf die Straße. In Schwerin erlebt unsere Botschafterin Justine Ohlhöft, wie daraus neue Freundschaften und Ideen entstehen.

Ein Montag im Herbst, auf dem Marktplatz in Schwerin. Hunderte Menschen sind gekommen. Sie haben bunte Fahnen dabei, Schilder, Transparente, Luftballons. Die verschiedensten Vereine und Gruppe sind vertreten. Und sie teilen eine gemeinsame Botschaft: für ein friedliches Miteinander, für Humanität, für Vielfalt. Zusammen stimmen wir die „Ode an die Freude“ an, während sie ein paar hundert Meter weiter ihre üblichen Parolen schreien: „Merkel muss weg!“ oder „Nationaler Sozialismus jetzt!“. Es ist schon der siebte Montag in Folge, an dem wir den anderen den Marktplatz nicht überlassen wollen. Wir stehen hier für ein buntes Schwerin. Inzwischen ist das Bündnis Schwerin für alle eng zusammengewachsen. Viele Stunden hat man schon gemeinsam diskutiert, geplant und organisiert.

Jede Demo ist auch ein großes Wiedersehen, ein Freundestreffen. Wie jeden Montag ist Andreas da, der die Demonstrationsauflagen verliest und noch einmal den Ablauf durchgeht. Daneben steht Heiko, der sich bereits zu DDR-Zeiten für Bürger- und Menschenrechte einsetzte und gerade das Banner des Schweriner Bürgerbündnisses für Demokratie & Menschenrechte entrollt. Da ist Konstanze – Pastorin mit Herz und Seele, die sich immer und überall für einen offenen, vorurteilsfreien Dialog einsetzt. Und wieder ganz vorne mit dabei ist auch unser Deeskalationsprofi Daniel, der für jede Situation die richtigen Worte parat hat.

Eine enorme Wut                          

Für Touristen kann Schwerin ein Traum sein. Die wundervolle Altstadt. Das zauberhafte Märchenschloss. Die Lage inmitten einer Seenlandschaft. Wer in Schwerin lebt, kennt auch die Probleme: die außergewöhnlich hohe Kinderarmut zum Beispiel. Jedes vierte Kind unter 15 Jahren lebt hier von Hartz IV. Im Stadtteil Mueßer Holz liegt die Quote sogar bei fast 60 Prozent. Oder die soziale Spaltung: in keiner größeren Stadt in Deutschland ist sie so stark ausgeprägt wie in Rostock und Schwerin, so das Ergebnis einer Studie. Und wer hier lebt, kennt auch diese enorme Wut vieler Menschen. Die Wut auf „das System“. Die Wut auf „die Politik“. Die Wut auf „die Ausländer“. Bereits 2015 hat sich diese Wut den Weg auf die Straßen der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern gebahnt, in Form des PEGIDA-Ablegers MVgidaIn diesem Moment war vielen Akteuren der Zivilgesellschaft klar: wir müssen endlich gemeinsam handeln. Es darf nicht sein, dass die Wut die Straße regiert.

Doch statt einfach nur gegen die zu sein, die ‚dagegen‘ schreien, entschieden sie sich gemeinsam dafür, proaktiv und zukunftsorientiert die lokalen Problematiken anzugehen. Es geht darum, das zu verteidigen und zu betonen, was diese Stadt alles schon erreicht hat, und gleichzeitig zu fragen, was sich ändern und verbessern muss.

Menschen halten draußen eine neue Fahne für Schwerin in der Hand. Sie besteht aus Wünschen und Ideen für die Stadt
Eine neue Flagge  für Schwerin, zusammengenäht aus Wünschen für die Stadt

Natürlich ist Bündnisarbeit nicht immer einfach. Natürlich gibt es auch mal Schwierigkeiten, einen Konsens zu finden, sich auf ein Motto zu einigen, Verantwortliche zu bestimmen. Die vielen Engagierten bringen jeweils ihre eigenen Vorstellungen und Erwartungen mit. Aber genau das ist auch die Stärke von Schwerin für alle: es ist ein bunter Haufen – ebenso bunt wie die Stadt selbst. Aus der Vielfalt, aus den vielen Meinungen, aus der gemeinsam empfundenen Unsicherheit über die aktuellen Entwicklungen, entfalten sich Kreativität und Kraft.

Von der Gegendemo zur eigenen Agenda

Aus den anfänglichen Gegendemos ist eine Bewegung für Schwerin entstanden. Längst bleibt es nicht mehr bei den montäglichen Demos. Es werden originelle Kulturaktionen angezettelt. Es werden neue Räume für Begegnungen geschaffen. Es werden Debatten darüber organisiert, wo die wirklichen Probleme der Stadt liegen, darüber, was Schwerin ausmacht und wo es hin will. Inzwischen geht es nicht mehr nur darum, die liberale Demokratie auf der Straße zu verteidigen, sondern darum, die Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger zu stärken, damit sie die politische und gesellschaftliche Agenda selbst bestimmen. 

So beängstigend die Stimmung im Land auch manchmal sein mag, ich sehe auch das Positive, das sich daraus entwickelt. Fast 30 Jahre nach der Wende gehen Schwerinerinnen und Schweriner wieder entschlossen für Freiheit und demokratische Werte auf die Straße. Viele Menschen debattieren zum ersten Mal über die Zukunft der Stadt, fragen nach der eigenen politischen Rolle. Viele Vereine, Gruppen und Privatpersonen, die vorher für sich werkelten, vernetzen und unterstützen sich. So wie in Schwerin lässt sich das an vielen Orten in Deutschland beobachten. Immer mehr lokale Bündnisse formieren sich. Immer öfter heißt es „Herz statt Hetze“, „Unsere Stadt bleibt bunt“ oder „Wir sind die Mehrheit“. Und daraus entsteht neues Engagement.

Für alle Freundinnen und Freunde einer offenen Gesellschaft ist das eine gute Nachricht in Zeiten wie diesen.

 

Justine Ohlhöft ist Grafikerin und Botschafterin der Initiative Offene Gesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern

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