Essay
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23.03.2017

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Ulrike Grassinger

Sprache mit Möglichkeitssinn

Sprache offenbart nicht nur tiefliegende Werte und Denkmuster, sie kann unsere Sicht auf die Welt verändern. Die Psychologin und Sprachwissenschaftlerin Ulrike Grassinger rät den Freundinnen und Freunden einer offenen Gesellschaft eine eigene Sprache zu finden, statt rechtspopulistische Denkmuster unfreiwillig zu verbreiten.

Der Sprache, derer sich Populisten bedienen, wird einstweilen etwas Fremdes und Entferntes zugesprochen, als sei sie etwas, das sich an den Rändern des Möglichen abspielt. Wir alle verleugnen dabei, wie sehr sie sich schon in die Alltagssprache eingeschrieben hat. Schlägt man dieser Zeit die Zeitungen auf, so schlägt sie einem immer wieder entgegen, verwendet von progressiven Journalisten, die sie vermutlich eigentlich vermeiden wollen. Es hat sich längst etwas verschoben in diesem Diskurs.

Wörter wie Flüchtlingsstrom, influx oder flow of refugees und wave of migration werden inzwischen international geläufig benutzt, zuletzt von hochrangigen europäischen Politikern. Aber auch weitaus weniger eindeutige rhetorische Metaphern, wie etwa die Abschiebung oder Umverteilung von Migranten, die so zu bewegbaren Objekten werden, durchdringen unsere Sprache.

Es scheint, als würde hier angenommen werden, es sei ja nur Sprache, sie unreflektiert so hinzuwerfen mache keinen Unterschied. Selbst wenn sie auf weniger hilfreiche Ideen verweise, verweise sie schließlich nur auf sie. Auch hier unterlaufen wir einer Täuschung: Sprache ist tatsächlich eine Art, die Welt zu sehen. Sie ist nicht separat zu sehen von Denken und Handeln sondern sie ist ein Versuch, den Dingen in der Welt, die so oft nicht greifbar sind, Sinn zu verleihen. Die bisher noch recht junge, aber nicht weniger überzeugende Forschung der kognitiven Linguisten blickt auf Sprache mit einer solchen Sichtweise.

Verkörperte Sprache

George Lakoff begründete diesen Forschungszweig in den USA, indem er sich zunächst mit Metaphern und deren Zusammenhang mit dem Denken und schließlich mit Frames, sogenannten kognitiven und sprachlichen Deutungsrahmen, befasste, die sich in der Sprache abbilden und auf tiefe oft körperlich verankerte Denkmuster verweisen. Liest man etwa das Wort Kicken so simuliert das Gehirn eben die Kickbewegung, mit der wir einen Ball bewegen. Mit derselben Körperlichkeit lesen wir das Wort Steuerlast und erteilen Steuern damit eine Bedeutungsaufladung einer ungewollten Bürde, die wir in ihrer Schwere fühlen. Wir hinterlassen im wahrsten Sinne des Wortes einen Überfluss an Bedeutung, der uns erdrückt. Unser Gehirn baut dabei eine neuronale Verbindung zwischen den zwei Konzepten auf, die stärker wird je häufiger wir diese Kombination (Steuer-Last, Steuer-Erleichterung) hören und erfahren. What fires together, wires together wird dies in der Neurowissenschaft genannt.

Wie sehr wir in Metaphern und Frames denken zeigen einige spannende Studien: Die Metapher Wärme ist Zuneigung, die wir körperlich in unserer Kindheit erfahren (etwa in den Armen der Eltern) übertragen wir in unsere Sprache: wir sprechen etwa von einer warm- oder kaltherzigen Person. Teilnehmer einer Studie in den USA mussten eine Minute eine heiße Tasse halten, während die andere Hälfte eine kalte Tasse Wasser hielt. Danach sollten beide die gleiche Person nach ihrer Sympathie beurteilen. Die heiße Tasse führte dazu dass der Frame Wärme ist Zuneigung aktiviert wurde und die Teilnehmer die Person signifikant sympathischer beurteilten. Auch Auswirkungen auf Handeln sind bekannt. Teilnehmer, die Worte wie Alter oder Rente lasen liefen später nach dem vermeintlichen Ende des Experiments signifikant langsamer zum Aufzug als diejenigen mit Worten wie Agilität und Jugend.

Die eigene Sprache mit Werten ausfüllen

Sprache ist eng mit unserer Sicht auf die Welt verbunden, sie vermittelt und prägt sie zugleich. Diese Deutungsrahmen sind ihrerseits wiederum wesentlich beeinflusst von den Werten, die wir innehalten. Abstrakte Ideen wie Steuern erhalten nur dann etwas Spürbares, wenn sie mit der eigenen ideologischen Sicht auf Steuern unterlegt werden – zum Beispiel indem wir sie als Steuerlast beschreiben. Werden sie hingegen als Beitrag beschrieben, vermittelt sich eine andere Wertehaltung.

Daher offenbaren Frames, die unsere Sprache prägen, diese wertebasierte Sicht, und zugleich können sie die Sicht anderer verschieben. Jeder von uns füllt abstrakte Konzepte assoziativ mit Werten, die persönlich, kulturell, sozial geprägt sind. Sie werden von jedem von uns mit Inhalten gefüllt. Daher genügt es nicht, Werte als hohle Konzepte zu verwenden und sie in der Sprache genauso abzubilden. Es geht vielmehr darum, zu reflektieren, was diese Werte bedeuten. Was bedeutet etwa Gerechtigkeit für Sie? Ist es ein Verteilungsprozess oder eher ein Aushandeln (so wird Gerechtigkeit eher in Schweden verstanden) und wie lässt sich das in Sprache abbilden?

Die Notwendigkeit, solche tieferen Werte zu reflektieren und in der Sprache zu explizieren, lässt vermuten, wie es möglich sein kann in einem solchen Kontext zu vermeiden, eine Sprache der Angst, der Geschlossenheit und Beschuldigung zu übernehmen. Anstatt sich in den Sog der rechtspopulistischen Rhetorik ziehen zu lassen, kann so eine eigene Form für die Sprache gefunden werden.

Rechtspopulistische Denkmuster nicht unfreiwillig verstärken

Ein ganz wesentlicher Aspekt ist es, damit aufzuhören, populistische Sprache zu verneinen, denn jedes Wort das verneint wird, aktiviert den jeweiligen Frame. Daher denken wir unweigerlich an einen Elefanten wenn wir Don’t think of an Elephant hören. Häufig definieren etwa engagierte zivilgesellschaftliche Gruppen ihren Auftrag als Verneinung – Beispiel: „Wir sind gegen die Politik der Angst“. Selbstverständlich dient dies dazu, Dinge klar zu benennen und sich abzugrenzen. Kognitiv-linguistisch wird aber eben diese Idee der Angst betont. Viel hilfreicher wäre es, stattdessen darüber nachzudenken für welche Politik wir eigentlich stattdessen stehen wollen. Eine Politik der Neugier? Des Ausprobierens? Der Zugewandtheit? Die Freunde der offenen Gesellschaft öffnen eben diese Räume.

Gängige Frames populistischer Sprache enthalten ganze Handlungsprogramme, die mit Werten aufgeladen sind. Wir haben vor einigen Jahren die Frames von verschiedenen europäischen populistischen Parteien wie dem Front National ausgewertet und dabei Frames wie Chaos versus Ordnung (wir sorgen für Ordnung in diesem Chaos), die Überbringer der Wahrheit (wir erkennen die Wahrheit), die von oben Beherrschten (wir erkennen die Wahrheit, können aber nichts tun, weil wir von Eliten beherrscht werden) identifiziert. Es gibt viele weitere Frames, aber ihnen zugrunde liegen Werte wie Geschlossenheit, Strenge und Autorität, Reinheit zugrunde.  

Die Sprache einer offenen Gesellschaft?

Was weckt andererseits unseren Sinn für die demokratische Teilhabe, das gemeinsame Gestalten einer (besseren) Zukunft? An Antworten für eine solche Frage kann man sich herantasten. Ein erster Schritt wäre ein deutlicheres Ausfüllen der Werte einer offenen Gesellschaft.  Für welche Werte steht eine offene Gesellschaft ein und was bedeuten diese Werte eigentlich? Was bedeutet Offenheit für Sie als Freunde der offenen Gesellschaft? Etwas zu einer Gesamtheit beizutragen? Einander zu stützen, sich kümmern? Wer sind die Akteure dabei? Ein zweiter Schritt wäre, diese versprachlichten Werte dahingehend zu überprüfen, wie sie in eher abgewandten Kreisen wirken. Über konservative Frames nachzudenken und sie möglichst fruchtbar einzuweben. Inwiefern bedeutet eine offene Gesellschaft loyal zu sein? Sich wie für eine Familie einzusetzen? Falls ja, wer ist die Familie in diesem Fall? Was bedeutet Tradition in einer solchen Gesellschaft, inwiefern ist Offenheit Tradition?

Diese Auseinandersetzung fordert Nachdenken und Gespür für die Werte der offenen Gesellschaft. Oft wird sie dann fruchtbar, wenn Freunde und Engagierte sich gemeinsam damit auseinandersetzen. Die Flüchtlingswelle, der man nur mit Mauern begegnen kann, weil sie sich ganz logisch nicht anders aufhalten lässt, wäre dann passé. Die Sprache einer offenen Gesellschaft muss für sich selbst noch eine Form finden.

Zur Autorin

Ulrike Grassinger hat die letzten Jahre zu Metaphern geforscht und sich intensiv mit Framing befasst. Sie entwickelt und moderiert Framing-Workshops mit Regierungen und NGOs und arbeitet mit ihnen gemeinsam neue Formen von Sprache aus. Als Director Projects bei Counterpoint arbeitet sie derzeit in London, einer Beratung die soziale und kulturelle Dynamiken sichtbar macht und sie an Politiker, Regierungen und NGOs heranträgt.

Titelfoto: Alexis Brown (CC0) / Unsplash



 

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