Artikel
|
07.03.2018

|
Interview mit Jacob Bilabel

Tanzen, Denken, Diskutieren - Utopie & Alltag auf Festivals

Über Politik und Gesellschaft lässt sich an vielen Orten reden. Zum Beispiel mit Matsch zwischen den Zehen und Glitzer im Gesicht, während im Hintergrund der Beat wummert. Jacob Bilabel, Gründer der Green Music Initiative, hat im Sommer 2017 auf verschiedenen Festivals unsere junge Debatten-Reihe organisiert. Wie das war? Wir haben ihn gefragt.

Mehr zum Magazin

Jetzt ansehen: Video mit Eindrücken von unserer Festival-Tour ...

Auf Festivals über Utopie & Alltag diskutieren – welche Idee steckte dahinter?

Jacob Bilabel: Festivals nehmen im Leben von jungen Erwachsenen einen besonderen Platz ein. Diese besonderen drei Tage im Sommer werden als soziales Experiment erlebt, in dem die Utopie von einer schöneren, bunteren und lauteren Gesellschaft ganz real erlebt werden kann. Mit den Debatten wollten wir Teil dieses Experiments werden und herausfinden: in welcher Welt wollen junge Menschen heute leben? Und: wollen sie auch darüber miteinander sprechen?

Wie wurde dieses Angebot auf den Festivals angenommen?

Jacob Bilabel: Ganz bewusst haben wir uns neun sehr unterschiedliche Festivals als Partner ausgesucht. Vom sehr politischen Jamel Rock, über das künstlerische Artlake, dem Lollapalooza, Deutschlands größtem urbanen Festival, bis hin zu den Metal Dayz in Hamburg waren wir außerhalb der gewohnten Filterblase mit innovativen Formaten unterwegs. Das Feedback der Besucher war ehrlich gesagt sehr unterschiedlich. Von den meisten wurden die Angebote als willkommene Möglichkeit zur Interaktion gesehen. Einige waren aber auch geradezu genervt, dass in ihrer „schönen Utopie“ nun auf einmal „harte“ Themen wie Demokratie, Partizipation und Deutschlandbilder diskutiert wurden. Die hätten wahrscheinlich lieber einfach nur Musik gehört.

Zirkeltraining für die Demokratie

Wie war die Stimmung bei den Festival-Teilnehmerinnen und Teilnehmern? Gab's politische Themen, die sie besonders beschäftigten?

Jacob Bilabel
Jacob Bilabel

Jacob Bilabel: Schnell wurde klar: Außerhalb der eigenen Filterblase weht ein starker Wind. Und den galt es erst enmal auszuhalten. Begriffe wie „Demokratie“, „Gemeinschaft“, „Gerechtigkeit“ oder „Offene Gesellschaft“  wollten wir nicht nur als theoretische Konstrukte besprechen, sondern vielmehr als lebendige Werte im Kontext der real erlebten Utopie im Rahmen der Festivals beschreiben. Diese Bewusstmachung im Rahmen der interaktiven Diskussionsformate war aber nicht immer nur einfach, sondern wurde von manchen TeilnehmerInnen auch als Eingriff in das Festivalerlebnis empfunden und abgelehnt. Die erhoffte temporäre Utopie sollte nicht durch zu viel Realität gestört werden.

Themenkomplexe wie Zuwanderung, Solidarisches Grundeinkommen, Rechtsruck oder Generationengerechtigkeit führten oft zu spannenden Diskussionen, konnten aber selten im Rahmen der zur Verfügung stehenden Zeitfenster abschliessend besprochen werden. Aber das wäre aus meiner Sicht auch zu viel verlangt gewesen.

Hat es sich aus eurer Perspektive gelohnt?

Jacob Bilabel: Auf jeden Fall! Es war uns und allen Partnern klar, dass wir mit diesem Experiment echtes Neuland betreten.

Gab es einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Jacob Bilabel: Eine Besucherin sagte beim Artlake zu uns: „Ihr macht hier wohl so eine Art Zirkeltraining für die Demokratie!“ Das hat mir sehr gefallen, weil sie irgendwie recht hatte.

Wie ist deine Prognose für nächstes Jahr: Wird man euch wieder auf den Festivals im Land treffen?

Jacob Bilabel: Klar, die meisten haben schon gefragt, ob wir im nächsten Jahr wieder mit ihnen kooperieren wollen. Und die Diskussion hat ja erst begonnen.

Interview: Ilona Hartmann

Mehr zum Magazin

 

Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können