Artikel
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18.12.2017

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von Marcel Roth, Regionalbotschafter in Stuttgart

Utopie & Alltag: Unsere junge Debattentour unterwegs im Land

Politik im Jugendknast, Debatten im Shoppingcenter und Diskussionen in der Schulbibliothek. An äußerst unterschiedlichen Orten haben wir „Utopie & Alltag durchgeführt“ und genauso unterschiedlich waren auch die Antworten.

Eins kann man den jungen Menschen, die wir auf unseren Touren getroffen haben, nicht vorwerfen: Dass sie sich keine Gedanken über die Welt machen würden. Mit dem Format „Utopie & Alltag“ sind wir durchs Land gereist: Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor? Was läuft falsch, was richtig und was muss sich ändern? Wie sieht euer Alltag aus und was ist eure Utopie?

Stellung beziehen? Ja, jetzt!

Während im Schulunterricht oft abgewägt wird, wollten wir Meinungen hören. Wir wollten, dass unsere Generation Stellung zu den Herausforderungen unserer Zeit bezieht. Das Thema gaben wir nicht vor. Per kurzem einleitendem Streitgespräch haben wir gezeigt, was es werden könnte: Wie bekämpfen wir den Klimawandel? Was hat vegane Ernährung damit zu tun? Geht uns in Zukunft durch Digitalisierung die Arbeit aus? Wie wollen wir überhaupt arbeiten? Wollen wir eine Welt ohne Grenzen? Und haben offene Grenzen zum Erstarken von rechten Parteien in ganz Europa beigetragen?

Welt ändern – aber wie?

Harter Tobak, könnte man meinen. Aber unsere Gespräche liefen konstruktiv, immer an Lösungen orientiert und mit einer Offenheit, die man sich in den Kommentarspalten des Internets oft wünschen würde. Zwar ist es nicht sofort die Politikkarriere, mit der unsere Gesprächsrunden die Welt verbessern wollten. Ansätze bei Leuten unter 20 Jahren waren eher individuell: Wie können wir Geflüchtete an unserer Schule besser integrieren? Sollten wir weniger Fleisch essen, um Treibhausgase zu vermeiden? Wie stehe ich zu Fernreisen? Systemisch wurde es in den Unistädten: Wie prägt der Kapitalismus unseren Alltag und wie müsste ein Systemwandel aussehen? Wer hat überhaupt die Voraussetzungen, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen und wer nicht?

Themen? Die ganze Palette.

Von „Vermögen sollten gleicher verteilt sein“ über „der Einfluss der Wirtschaft sollte überdacht werden“ hinzu „Es gibt nicht genug bezahlbaren Wohnraum in den Städten“ war die Palette riesig an Problemanalysen im Alltag. Ein verpflichtendes soziales Jahr war es, was die Jugendlichen vom Technischen Hilfswerk Bamberg forderten, um allen zu zeigen, was Teilhabe an Verantwortung für die Gesellschaft bedeutet. Eine starke EU, Solidarität, eine humane Asylpolitik, mehr zwischenmenschliche Begegnungen sind nur wenige Antworten im Bereich „Utopie“. Natürlich wurden auch kritische Töne laut – etwa, dass Deutschland schon auf seine Aufnahmekapazitäten für Geflüchtete achten sollte. Oder andere Töne beim Thema Klimawandel: „Wozu unser Leben einschränken, wenn wir vielleicht die starken Folgen gar nicht spüren. Lasst uns gönnen.“

Es ist Zeit für Visionen, die Bock machen. Und es gibt eine Menge junge Leute da draußen, die Energie und Lust haben, sie wahr zu machen.

Unser Format hat mehr junge Leute angezogen, die ohnehin etwas mit Politik und Gesellschaft anfangen können und die eine offene Gesellschaft unterstützen und wir stellten oft eine hohe Reflexionsbereitschaft und ein sehr ernsthaftes Feilen an Lösungsvorschlägen fest. Die Möglichkeit, im Verlauf der Gesprächsrunden unserem „Transcript Tony“ in Form von anonymen WhatsApp-Nachrichten ein Live-Feedback schicken zu können, belebte die Diskussion weiter. Sie schloss auch diejenigen ein, die ungerne vor großen Gruppen sprechen.

Was bleibt übrig? Eindrücke aus ganz Deutschland, die zeigen: Es ist Zeit für Visionen, die Bock machen. Und es gibt eine Menge junge Leute da draußen, die Energie und Lust haben, sie wahr zu machen.

Titelbild: © Eric Schütz

 

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