Post von Freunden
|
07.12.2016

|
Dennis Schmidt-Bordemann

Warum Europa das Träumen wieder lernen muss

Unser utopisches Denken ist verkümmert. Doch für ein offenes, tolerantes und humanes Europa brauchen wir einen Wettstreit der Ideen, der Phantasie, der Kreativität. Ein Beitrag von Dennis Schmidt-Bordemann.

Es ist seit Jahren das Mantra der europäischen Politik: Dass Europa die Probleme der Menschen lösen müsse, um wieder Akzeptanz und Unterstützung zu finden. Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft wächst und die europäischen Grenzen wieder sicher sind – dann werden die Bürger auch wieder an Europa glauben, so die Überzeugung. Das Dilemma: Europa scheitert heute in erster Linie daran, die Probleme der Bürger zu lösen, weil die Bürger ebendies Europa nicht zutrauen – und darum den dafür notwendigen Integrationsschritten die Zustimmung versagen. Hier kommt eine bloß pragmatische Politik an ihr Ende, die Europa nur als Instrument der Problemlösung versteht.

Das heißt jedoch nicht, dass Europas Zukunft bereits besiegelt wäre. Weil das so wertvolle Fundament erschöpft wäre, auf dem das europäische Haus errichtet wurde: Vertrauen und Zuversicht. Aber um dieses Fundament wieder zu stärken, genügt eben nicht eine pragmatische Politik, die nur die Probleme und Herausforderungen des Augenblicks kennt. Sondern es braucht den Mut zu Veränderungen. Und zuallererst den Mut zu Visionen und Utopien.

Der Traum von Europa war mächtig

Gerade uns Deutschen klingt das berühmte Helmut Schmidt-Zitat ja heute wie das eigentliche Grundgesetz der Politik: „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“ Aber das war im Nachkriegseuropa keineswegs immer so. Es gab eine Zeit, da Träumen noch geholfen hat. Die Vorstellung eines demokratischen Deutschland, die Vision einer sozialen Marktwirtschaft; das Projekt eines vereinten Europa – diese Ziele waren zu ihrem Beginn schließlich nichts anderes als grandiose Utopien. Die Präambel des Grundgesetzes war und ist keine pragmatische Zustandsbeschreibung, sondern – die Sprache verrät es bis heute – war lediglich Ausdruck von Wunsch und Wille: „(…) von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen.“

Die vermeintlich ewigen Gesetze und Antagonismen nationalstaatlicher Politik zu überwinden, das war der große Traum, nicht nur der Deutschen. Bereits 1946 forderte Winston Churchill, die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu schaffen, um „die Menschen aller Rassen und aller Länder aus Krieg und Knechtschaft“ zu erretten. Konrad Adenauer griff diesen Gedanken unter anderem 1948 auf. „Eine Hoffnung ist uns neu gekommen für Europa, und das ist der Gedanke an die Europäische Union, an das Vereinigte Europa“, erklärte der zukünftige Bundeskanzler. Und der Wunsch, ein „organisiertes und lebendiges Europa“ zu schaffen, trieb auch den französischen Außenminister Robert Schuman um.

Churchill, Adenauer, Schuman waren große Träumer. Sie fragten nicht zuerst nach dem Machbaren. Sondern sie fragten nach dem Wünschbaren. Und richteten danach eine pragmatische Politik aus. Ihnen war selbstverständlich, dass Europa sich nicht herbeiträumen und auch nicht mit einem Schlage herstellen ließ. „Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die eine Solidität der Tat schaffen“, so erklärte Schuman am 9. Mai 1950 – und machte selbst an diesem Tag mit seinem Vorschlag für eine Vergemeinschaftung der als „kriegswichtig“ geltenden französischen und deutschen Kohle- und Stahlpolitik einen entscheidenden Schritt vom Traum zur Tat.

Der Traum von Europa war mächtig – aber, zugegeben, nicht allein aus eigener Kraft. Die Verbrechen des Faschismus, die Furcht vor dem Kommunismus und die Angst vor der Widerkehr des Krieges waren zweifellos starke Triebfedern für diese utopische Wende in der Politik (West)Europas. Es war die Angst vor den eigenen Alpträumen oder – positiv gewendet – die Hoffnung, „dass diese grausame Zeit der Vernichtung und Zerstörung, all das, was hinter uns liegt, nicht nur überwinden wird, sondern Anlass und Impuls ist zu einer Besserung, zu einer Umkehr vom Bösen in das Gute.“ So formulierte es am 9. Mai 1949 im Parlamentarischen Rat der zukünftige erste Justizminister der Bundesrepublik, Thomas Dehler.

Phantasieloser Reformismus

Der anhaltende Konflikt mit der UdSSR und die erst noch brennende Angst vor einer Wiederholung der Geschichte, trieben das utopische Projekt der Einigung Europas voran. Die Geschichte schien Sinn zu haben, die Politik einem höheren Ziel zuzuarbeiten. Doch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und mit wachsendem zeitlichen Abstand von den Ur-Katastrophen scheinen diese äußeren Antriebskräften erlahmt zu sein. Der europäische Einigungsprozess verlor zu erst an Schwung – und droht jetzt, erstmals in seiner Geschichte, zurückgedreht zu werden.

Der Grund für diese Entwicklung liegt aber auch in unserer eigenen Phantasielosigkeit. Denn wo eine positive Alternative zur Gegenwart nicht mehr vorstellbar ist, bleibt in der Krise scheinbar nur der Schritt zurück – zurück in eine vermeintlich bessere oder zumindest sicherere Vergangenheit. Die Krise Europas und die Zweifel am Wert und Nutzen der offenen Gesellschaft wurzeln daher nicht zuletzt darin, dass diejenigen, die einst an der Spitze des Fortschritts standen, heute lediglich den Status Quo verteidigen. Ihr Zukunftsversprechen erschöpft sich in einem vagen Reformismus. Eine rein pragmatische Europapolitik verharrt in der Gegenwart. Es fehlt ihr eine Utopie, die Ziel, Richtung und Hoffnung vermitteln kann.

Utopisches Denken unter Verdacht

Es wäre aber zu kurz gesprungen, jetzt nur über die Politik zu klagen und darauf zu warten, dass die Kommission oder die Kanzlerin Europa eine neue Vision „gibt“.

Denn das größere, viel tiefer liegende Problem ist: Unsere Gesellschaft hat ihre Träume von Europa nicht vergessen, sondern das Träumen insgesamt verlernt. Exakt 500 Jahre nachdem Thomas Morus seine Utopia veröffentlicht hat – an dessen Erscheinen bezeichnenderweise hierzulande kaum erinnert wird – ist das utopische Denken in unserer Gesellschaft zur Unkenntlichkeit verkümmert.

Utopisches Denken wird heute nicht mehr als Motor zur Veränderung gesehen, sondern als Antrieb totalitärer Systeme – nicht zuletzt unter Berufung auf Karl Popper. „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle“, so die gerne zitierte Warnung aus Poppers 1946 veröffentlichter Schrift über Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Die Verwirklichung der Utopie als Weg in die Unfreiheit: Dieses Bild wird uns auch von Autoren und Filmemachern vermittelt. Von Jewgenij Samjatins Wir aus dem Jahr 1921 über Huxleys Brave New World, Orwells 1984, Bradburys Fahrenheit 451 bis hin zu populären Romanen der Gegenwart wie The Hunger Games oder Corpus Delicti – schwarze Utopien sind allgegenwärtig und prägen unseren Blick auf die Zukunft. Und auch aus dem Film sind diese dunklen Welten kaum fortzudenken – von Metropolis über Blade Runner bis zu V wie Vendetta oder Die Matrix.

Wir brauchen Ideen, Bilder, Geschichten …

Diese Zukunftsskepsis ist längst auch Teil unseres alltäglichen Denkens geworden. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie wirkmächtig die Künste auch in unserer Zeit sind. Aber heute inspiriert diese Kunst eben nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Suche nach Wegen, um diese zu erreichen. Sondern sie befeuert die Furcht vor einer dystopischen Wende: Dass der vermeintliche Fortschritt sich gegen uns wenden und uns am Ende unserer Freiheit und Individualität berauben wird.

Diese Furcht zu überwinden, das ist die erste große Herausforderung, um der europäischen Idee neue Kraft zu verleihen. Wir brauchen Ideen, Bilder und Geschichten, die uns nicht zuerst die Risiken, sondern die Chancen zu sehen lehren. Damit wir unsere Zukunft, Europa und die offene Gesellschaft neu erträumen können. Der neue Mut zur Utopien kann nur aus der Gesellschaft heraus wachsen, aus der Kunst, Literatur und Wissenschaft. Denn wir brauchen schließlich nicht eine Utopie – sondern wir brauchen tausende. Wir brauchen einen Wettstreit der Ideen und der Träume, der Phantasie und der Kreativität – für ein offenes, tolerantes und humanes Europa. Denn nur wenn wir uns eine bessere Welt vorstellen können, können wir pragmatisch daran arbeiten, diese Welt auch zu verwirklichen.

Zum Autor

Dennis Schmidt-Bordemann ist Politikwissenschaftler & Redenschreiber

Foto: CC0 Public Domain

Anmelden oder Registieren, um Kommentare verfassen zu können