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06.02.2018

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Initiative Offene Gesellschaft

Was ins Rollen gebracht - Auf Tour mit dem Bus der Begegnungen

Raus aus den Filterblasen, rein ins Gespräch: mit einem Oldtimer-Bus tourten wir im Herbst 2017 durch Deutschland. Ist die Gesellschaft wirklich so gespalten? Was beschäftigt die Menschen – von Gelsenkirchen bis Schwerin? Im Interview schildert Stella Bauhaus vom Verein Linie 94 e.V. ihre Eindrücke.

'Raus aus der Bubble‘ ist das Gebot der Stunde. Also tun wir das tatsächlich. Wir fahren raus aus Berlin, quer durch die Republik, in 13 Städte und Dörfer. Wir treffen Menschen, die wir sonst nie treffen würden, suchen das Gespräch, diskutieren und kochen zusammen, sitzen auf Marktplätzen, teils bis in die Nacht.
Aufsehen erregend ist unser Gefährt, der rot-weiße Oldtimer-Bus des Linie 94 e.V.. Es ist Herbst 2017, kurz vor der Bundestagswahl.

Die Idee für den „Bus der Begegnungen“ hatte der Social Entrepreneur, Aktivist und Freund der Offenen Gesellschaft Shai Hoffmann. „Wir“ – das sind rund 30 zivilgesellschaftlich Engagierte, darunter Aktive von DeutschPlus e.V. und dem Integrations-Projekt „Über den Tellerrand“.

Stella Bauhaus
Stella Bauhaus auf Tour mit dem Bus der Begegnungen.

Eine der Schlüsselfiguren ist Stella Bauhaus, Gründerin des Linie 94 e.V.. Sie lenkt den Bus im Wechsel mit ihrem Kollegen auf der knapp 1.700 Kilometer langen Route. Im Gespräch schildert Bauhaus ihre Erlebnisse…

"Manche sind dankbar, andere tief enttäuscht"

Wenn du dich an den Moment der Abfahrt erinnerst, wie war die Stimmung? Welche Erwartungen und vielleicht auch Befürchtungen gab es bei dir und im Team?

Stella Bauhaus: Als wir vor dem Reichstagsgebäude abfuhren, war die Stimmung freudig erregt, gewürzt mit einer Prise Angespanntheit. Auf ins Abenteuer, auf zur Umsetzung unserer Pläne vor den Wahlen. Aber werden wir wirklich Menschen außerhalb unserer „Blase“ erreichen können? Werden wir wirklich aufzeigen können, was die Menschen in Deutschland bewegt? Werden wir mit dem Bus vielleicht angefeindet oder angegriffen, so wie es schon anderswo passiert ist? Ich glaube, jedem von uns war bewusst, dass wir uns mit der Tour aus dem Fenster lehnen und damit rechnen müssen, zu scheitern.

 

Nicht zu übersehen: der Bus der Begegnungen
Nicht zu übersehen: der Bus der Begegnungen.

Wie haben sich die Begegnungen in den Städten unterschieden und welche Gemeinsamkeiten gab es?

Stella Bauhaus: Wir haben sehr bewusst unterschiedliche Städte angefahren und wir konnten auch deutliche Unterschiede feststellen. Grundsätzlich gab es natürlich an jedem Ort sehr konträre Meinungen, aber trotzdem eine lokale „Grundstimmung“: An manchen Orten schienen die Menschen fast geschlossen enttäuscht zu sein von Deutschland, der Politik und dem System; sie konnten kaum etwas Gutes an ihrer Situation finden und fühlten sich geradezu ohnmächtig ihrem Leben ausgeliefert. Andernorts war man vermehrt dankbar für die eigene Situation und man spürte ein grundsätzliches Vertrauen in das Land. Vereint hat alle, dass sie sich nicht oder zumindest sehr wenig gehört fühlen und ihren Einfluss im Land und der Gesellschaft als sehr gering erachten.

Eindrücke, die haften bleiben

Ist dir eine Station oder Begegnung besonders im Gedächtnis geblieben? Und wenn ja, warum?

Stella Bauhaus: Es gab viele sehr einprägsame Momente auf der Tour. Mir sind, als frühere Lehrerin, besonders die Begegnungen mit Kindern im Gedächtnis geblieben. Ich habe mich in Eschwege sehr leger mit ein paar Kindern unterhalten und Fragen an unserem Glücksrad beantwortet. Ein Junge wollte als erste Amtshandlung als Bundeskanzler ganz viele Schwimmbäder für Kinder bauen lassen, ein anderer die Schulpflicht abschaffen, wieder ein anderer verbieten, dass Eltern ihre Kinder anschreien.
Als ich diese Frage an ein 12-jähriges Mädchen und ihre Freundin richtete, folgte ein Monolog darüber, dass sie als Bundeskanzlerin sofort alle Flüchtlinge ausweisen würde, weil die Stadt ja „überschwemmt“ sei von Flüchtlingen und quasi kurz vor dem Kollaps stünde. Im weiteren Gespräch ergab sich, dass das Mädchen kaum einen Flüchtling kannte. Solche Gespräche bleiben besonders haften, denn sie zeigen den starken Einfluss des sozialen Umfeldes auf die Meinung und den Werdegang von Kindern und Jugendlichen. Es macht deutlich, wie notwendig Austausch innerhalb der Gesellschaft ist und wie wichtig es gerade jetzt ist, Schnittstellen zwischen den gesellschaftlichen Blasen zu schaffen.

Bus der Begegnungen
Zwei Wochen intensive Gespräche.

Mit welchem Gefühl bist du zurückgekehrt? Hattest du den Eindruck, die Tour konnte ihr Ziel erreichen
und Menschen tatsächlich näher zusammenbringen?


Stella Bauhaus: Ich bin überwältigt zurückgekehrt und habe eine Weile gebraucht, die Begegnungen und Eindrücke zu verarbeiten. Wir haben sehr, sehr viele Menschen zusammengebracht, die sich sonst nie begegnet wären und sich nie ausgetauscht hätten. Darunter waren etliche, die sich zum ersten Mal persönlich mit Menschen auseinandergesetzt haben, die entgegengesetzter Meinung waren – und sie haben meistens irgendwie zusammengefunden. Auch ohne derselben Meinung zu sein!

Wir sind auf der Tour nicht nur selbst aus unserer eigenen Blase herausgetreten, sondern haben es auch geschafft, Menschen für die Existenz dieser verschiedenen Lebensrealitäten zu sensibilisieren.

"Man muss nur einsteigen."

Was ist dein Vorschlag, um diese Begegnungen im Alltag zu ermöglichen?

Stella Bauhaus: Der erste Schritt, um zusammenzufinden zu können, besteht darin, sich erst mal bewusst zu werden, wie weit man mitunter voneinander entfernt ist, auch wenn man physisch nebeneinandersteht. Deshalb sollten wir so oft wie möglich versuchen, gesellschaftliche Schnittstellen zu schaffen und diese auch zu nutzen. Es zählt, was verbindet. Man muss nur einsteigen.

Fragen: Lisa Gimbert, Campaignerin der Initiative Offene Gesellschaft
Fotos: Peter van Heesen

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