Migrationspolitik von unten

Sonya Bobrik ist Teil des Koordinationskreises der Bewegung Seebrücke, die sich für sichere Fluchtwege und menschenwürdige Migrationspolitik einsetzt. Warum macht die Philosophie- und Schauspiel-Studentin das? Wir haben sie zum Interview getroffen.

 

 

"Wir diskutieren ja auch nicht, ob wir den Rettungswagen rufen."

Kannst Du dich noch an den Moment erinnern, als du entschieden hast, bei der Seebrücke mitzumachen?

 

Sonya Bobrik: Die Entscheidung passierte intuitiv, sie lag in der Aktivität selbst – ich erinnere mich vor Allem an die Fassungslosigkeit, für so etwas auf die Straße gehen zu müssen. Bei der ersten Seebrücke-Demo in Berlin war ich ganz spontan dabei. Zu der Zeit war ich an der Uni mit der erschreckend aktuellen Faschismus-Theorie von Adorno beschäftigt und habe gedacht, studieren reicht nicht, ich will etwas tun. Vorher wusste ich kaum etwas über Seenotrettung. Es war ein Schock für mich, dass Kapitäne rechtlich verpflichtet sind, ertrinkende Menschen zu retten, sie aber genau für dieses Retten kriminalisiert werden. Stellen wir uns vor, auf der Straße gibt es einen Verkehrsunfall. Da stehen wir ja auch nicht daneben und diskutieren erstmal, ob wir jetzt einen Rettungswagen rufen sollen oder nicht. Unglaublich, dass so etwas vor unseren Augen passieren kann. Und alle schauen zu. Für mich geht es hier um strukturellen Rassismus in der Politik und ein Denken fernab der Menschenrechte. Von da an war mir klar, dass ich mich für die Seebrücke engagieren möchte. 

 

Gibt es bei Deinem Engagement Momente, an die Du Dich besonders gerne erinnerst? 

 

Sonya Bobrik: Da fallen mir viele Momente ein. Ganz besonders war die erste große Demo, die ich mitorganisiert habe. Es gab einen Moment, wo wir als Orga-Team die Menschenmasse sahen, die Sonne vom wolkenlosen blauen Himmel schien und wir uns einfach umarmt haben. Wir wussten ja nicht, ob die Mobilisierung funktioniert, und dann waren tatsächlich 6.000 Menschen da.  

 

Das Überraschende an der Seebrücke ist, dass sich mehr als hundert Kommunen in Deutschland zusammentun und sich zu „Sicheren Häfen“ für Geflüchtete erklären. Wie kamt ihr auf die Idee, auf der kommunalen Ebene anzusetzen? 

 

Sonya Bobrik: In den Kommunen ist Politik am nächsten an den Menschen dran. Daher kommt auch unser Ansatz, Migrationspolitik von unten zu denken und vor allem, Veränderungen von unten herbeizuführen. In der Bundespolitik bewegt sich, wenn überhaupt, alles sehr langsam. Städte reagieren viel schneller. Auch intern verfolgen wir diesen dezentralen Ansatz. Alle Entscheidungen werden im Konsens getroffen – am liebsten so wenig von Berlin aus wie möglich. Das ist natürlich sehr arbeitsintensiv und bisweilen auch anstrengend. Dennoch habe ich noch nirgendwo so viel Wertschätzung füreinander erlebt wie bei der Seebrücke. 

© Nora Börding
In zahlreichen Städten haben sich Aktivist*innen am bundesweiten Aktionstag "Wir hinterlassen Spuren" als Teil der WeLeaveNoOneBehind-Kampagne beteiligt. Es wurden Banner in den öffentlichen Raum gehängt, Fußspuren und Schuhe hinterlassen.

"Transparente und Banner sehe ich nun überall in der Stadt."

Seit Beginn 2020 ist viel passiert. Anfang März hörte die türkische Regierung auf, die Grenze zur EU zu kontrollieren. Seitdem sitzen Tausende Geflüchtete auf griechischen Inseln fest, allen voran im Lager Moria auf Lesbos. Dann kam Corona. Grenzen wurden geschlossen, die Seenotrettung komplett ausgesetzt. Was bedeutet all das für die Seebrücke als Bewegung? 

 

Sonya Bobrik: Für uns hat sich auf mehreren Ebenen viel verändert. Durch Corona ist es viel schwieriger geworden, öffentlichen Druck auf der Straße auszuüben. Und wegen der politischen Situation kommt man nur schwer mit der Politik ins Gespräch. 47 Kinder und Jugendliche wurden aus Lesbos nach Deutschland geholt, das hat mehrere Wochen Zeit gekostet und unzählige Telefonate. Dabei ist das natürlich völlig unzureichend, denn viele Tausend Menschen sitzen noch auf Lesbos fest. Zugleich ist die Seebrücke jetzt viel sichtbarer wegen der Bilder aus den Lagern und dem Hashtag #LeaveNoOneBehind. 

 

Was hat es damit auf sich? 

 

Sonya Bobrik: Der Hashtag #LeaveNoOneBehind wurde ins Leben gerufen von Erik Marquardt. Das ist ein Politiker der Grünen, der im Europaparlament sitzt. Er ist schon seit Jahren aktiv zum Thema Asyl, Migration und Flucht. Von Ende Februar bis Ende April war er auf Lesbos. Er nahm an einem Besuch teil, der von der Seebrücke organisiert wurde, und ist dortgeblieben, nachdem der Rest der Delegation wieder abgereist war. Dass er wirklich jeden Tag von dort berichtete, gab es bisher so nicht. Natürlich waren immer wieder Fotograf*innen und Journalist*innen einzeln dort. Aber nun haben wir eine Person, die stark in der Öffentlichkeit steht, die kontinuierlich jeden Tag von dort berichtet, Bilder und Geschichten zeigt, wie die Lage gerade ist, was wieder abgebrannt ist, was sich ändert oder auch nicht. Und weil gerade viele Leute zuhause und online unterwegs sind, kriegen viele davon mit. So hat sich das verselbstständigt mit dem Hashtag. Nicht nur online. Ich sehe ihn gerade überall, wenn ich durch die Stadt laufe.  

 

Wie haben sich euer Aktivismus und die Protestformen der Seebrücke durch den Lockdown verändert? 

 

Sonya Bobrik: Sehr stark. Erst dachten wir, wir können nur noch über Social Media Öffentlichkeit schaffen. Es wurde zu einer Online-Demo eingeladen, das hat super gut geklappt. Es gab einen Stream bei YouTube mit Redebeiträgen, so wie sie sonst im Demoprogramm vom Lautsprecherwagen kommen. Zusätzlich gab es eine „Demo-Route“ bei Twitter, wo dazu aufgerufen wurde, Kommentare dazulassen. Außerdem wurden Menschen dazu aufgerufen, Transparente und Banner aus dem Fenster zu hängen. Die sehe ich nun überall in der Stadt. Zusätzlich wird der Spruch #LeaveNoOneBehind jetzt überall hingeschrieben, zum Beispiel hier vor Rewe auf dem Boden. Das ist super. Der öffentliche Raum ist jetzt total stark.  

© Jörn Neumann
Eindrücke der Delegationsreise rund um das Lager von Moria. Lesvos, 28.02.2020

"Was früher abstrakt war, betrifft uns jetzt selbst."

Trotz der extrem schwierigen Situation in Moria und für Migration insgesamt - Siehst du in dieser Situation irgendwelche Möglichkeiten und Chancen für Bewegungsfreiheit und globale Solidarität? 

 

Sonya Bobrik: Moria ist stark in der Öffentlichkeit im Moment. Aber das ist natürlich nicht der einzige Ort, wo gerade Menschen festsitzen oder auf der Flucht sind. Wir wissen gerade wenig, was auf der Balkanroute passiert oder in Libyen. Wir können die aktuelle Aufmerksamkeit gut für unsere Kämpfe nutzen und wir erhalten viel Spendengeld. Aber nun neue Formen von Aktivismus zu finden und Geld zu haben heißt ja noch nicht, dass wir sie fruchtbar nutzen können. Da muss man sich jetzt hinsetzen und eine Strategie überlegen. Gleichzeitig ist es gerade schwer, strategisch in die Zukunft zu gucken, denn es ist ja völlig unklar, wie lange die Situation so bleibt.  

 

Eine aktuelle Chance sehe ich im öffentlichen Diskurs. Der Solidaritätsgedanke ist gerade sehr stark. Dieses offene Fenster sollten wir nutzen, um unsere Kämpfe in ein größeres Bild einzufügen. Bisher waren die Menschenrechte immer unser Bezugspunkt, weil das Spezifische an unserem Kampf ist, dass wir uns als privilegierte Menschen einsetzen für Menschen, deren Rechte nicht gegeben sind. Wir kämpften also für ein spezifisches Thema und eine relativ kleine Gruppe. Nun können wir auch über das Thema Migrationspolitik hinaus größere Bündnisse schließen und mit anderen kämpfen. Menschen in Pflegeberufen waren auch früher unterbezahlt. Das wird nun deutlicher gesehen und viel mehr Menschen sagen: Da müssen wir was verändern. Zugleich haben diese Themen auch nochmal viel direkter mit einem selbst zu tun. Was früher abstrakt und für viele vor allem eine intellektuelle Leistung war, betrifft uns jetzt selbst oder zumindest jemanden im eigenen Freundeskreis. Wir erleben nun direkter, wie scheiße es einigen geht, aber auch den Wert von Solidarität – untereinander, in der Nachbarschaft. Das kann der Startpunkt sein für Aktivismus. 

 

Wenn Du dir etwas für die Demokratie wünschen könntest – was wäre das? 

 

Sonya Bobrik: Wenn man bei allen Menschen, wie bei so einem Regler, die Fähigkeit aufdrehen könnte, Verantwortung direkt bei sich zu suchen – auch wenn es etwas vom eigenen Komfort nimmt – würde Vieles anders laufen.

 

Interview: Theresa Singer & Alexander Wragge, Aktualisierung: Hannah Göppert

 

Aufstand der Ideen – Das Printmagazin

Dieses Interview ist stammt aus unserem Printmagazin DAFÜR, das im Dezember 2019 erschienen ist. Unter dem Titel  Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung) und Sham Jaff (what happened last week).  

 

Das Interview wurde im Mai 2020 erweitert und aktualisiert.