Weltoffenes Werder

Wie sieht eigentlich ein “Bankett für die Offene Gesellschaft” aus?
Das brandenburgische Werder an der Havel (26.000 Einwohner) hat es am 13. September 2020 vorgemacht: 
Das "Aktionsbündnis Weltoffenes Werder" zeigt mit einem Festival, dass Weltoffenheit nicht nur in den großen Metropolen gelebt werden kann.

Kaffee in Liegestühlen und Nusskuchen auf bunten Tellern. Dazu wird aus Manja Präkels Roman “Als ich mit Hitler Kirschen aß” vorgelesen. Serviert werden fünf Gänge. Doch zur Vorspeise gibt es nicht Salat, sondern ein glänzendes Tablett mit Fragen: Hast du schonmal Ausgrenzung erlebt? Wie machen wir Werder weltoffen? 

"Versuchen wir es!”

Eingeladen in den Hof vor der Heilig-Geist-Kirche hat das Aktionsbündnis Weltoffenes Werder, ein Netzwerk aus Initiativen, evangelischer Kirche, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Einzelpersonen aus Werder.  

 

Seit 2017 setzen sich die Menschen dort für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein. Als die AfD damals bei den Wahlen in den Bundestag einzog, war für Mitbegründer Robin Stock klar: "Wir müssen gegen Rassismus eintreten." – besonders jetzt, besonders hier in Brandenburg. Und obwohl das “Wie” noch nicht genau definiert war, lautete die Devise für die Gründer*innen selbstverständlich: "Versuchen wir es!". 

 

Robin und seine Mitstreiter*innen planten Konzerte, Debatten und Ausstellungen. Dabei banden sie von Anfang an lokale Akteure wie Schulchöre oder das hiesige Kino ein. Mit der Breite des Netzwerks gelang es, Alteingesessene sowie Zugezogene für Aktionen zu begeistern. Trotzdem: So unterschiedlich die Formate, so unterschiedlich die Resonanz. Eine Politikdiskussion zieht oft nur wenige, meist die "eh schon Interessierten", an. Bei einem Konzert hingegen ist wenig Raum für Debatte. 

 

Über die Zeit entwickelte sich in Werder das jährliche Format der "Aktionswochen Weltoffenes Werder" mit abschließendem Festival. Während das Bündnis mit Nachdruck gegen jegliche Form von Diskriminierung eintritt, möchte es auch motivieren und inspirieren. Der Brückenschlag gelingt mit genau dieser Mischung aus Unterhaltung, Kultur und Politik – ein Programm, das für jede*n etwas bietet.  

 

Ein Highlight war für Mitbegründer Robin eine parteiübergreifende Diskussions-Veranstaltung zur Kommunalwahl 2019, bei der 250 Leute erschienen. Das Thema “Nachhaltigkeit und Weltoffenheit” funktionierte und zeigt: Auch auf lokaler Ebene können die ganz großen Themen verhandelt werden. 

Gemeinsames entdecken

In den Jahren vor Corona zog das Festival knapp 1.000 Besucher*innen an. 2020 ist der Rahmen selbstverständlich etwas kleiner. Der Stimmung tut das keinen Abbruch: Zwischen den Ständen verschiedener Vereine toben Kinder, die Erwachsenen freuen sich auf interessante Gespräche. Auch die Initiative Offene Gesellschaft hat einen Tisch aufgestellt und bietet Aktionsmaterial an. 

 

An mehreren Tischen des Banketts unter dem großen Baum lernen sich die Gäste neu kennen und teilen ihre persönlichen Geschichten. Durch das gemeinsame Bankett werden Themen wie Ausgrenzung und Offenheit für alle zugänglich und alltäglich. Keine Rolle spielt dabei das Alter der Menschen im Hof der Altstadtkirche in Werder: Alte und Junge tauschen sich über ihre Erfahrungen aus – und entdecken darüber ihre Gemeinsamkeiten. 

 

Schließlich wird der letzte Gang serviert. Die Karte auf dem Tablett fragt: “Wie sieht ein weltoffenes Werder für dich aus?”. Wie diese Weltoffenheit nun genau geht, dazu gibt es unterschiedliche Antworten, doch viele auf dem Fest sind sich über eines einig: Wir versuchen es!