Wer schweigt, stimmt zu

Empören wir uns! Oder lassen wir es sein? Für Cesy Leonard vom Zentrum für Politische Schönheit zeigt sich gerade in der Empörung unsere menschliche Seite. Leonard warnt vor der unempörten und empathielosen Gesellschaft.

Hinweis: Der folgende Gastbeitrag von Cesy Leonard wurde vor der Aktion “Sucht nach uns!” des Zentrums für Politische Schönheit verfasst – und nimmt keinen Bezug auf die umstrittene Installation vor dem Reichstagsgebäude. Leonards Text ist der erste Teil eines Pro & Contras zur Frage: Empören wir uns! Oder lassen wir es sein? Eine konträre Position zu Leonard nimmt Jochen Bittner ein, Ressortleiter bei der ZEIT. Bittners Text kannst du hier nachlesen.

 

Empörung. Sie ist das schmutzige Kind auf den glatt geleckten Straßen des Enthaltungshipsters. Das schlechte Gefühl im Hals, das der Intellektuelle der Gegenwart mit einem Räuspern in Gesprächsrunden unterdrückt: Jetzt bloß nichts sagen, keine Meinung vertreten, keinen Streit vom Zaun brechen. Empörung. Wer sie angreift, setzt sie oft mit Wutbürgern, Lügnerinnen und Gutmenschen – der Lust an Provokation gleich. Doch dass eine unempörte Gesellschaft zu einer empathielosen, defätistischen Gesellschaft ohne Rückgrat zwischen Selbstoptimierungswahn und Hygge degeneriert, in der Faschisten wie Björn Höcke leichtes Spiel haben –  das vergessen Empörungs-Empörer*innen nur zu leicht.  

 

Empörung. Geschieht sie aus Leidenschaft für Menschenrechte, auf der Basis von Fakten und für demokratische Werte, bewahrt sie das Erbe der Résistance und garantiert uns Frieden und Wohlstand innerhalb der EU. Vor allem in Zeiten von Trump, Erdoğan und Brexit.  

Schleichende Normalisierung

Aber unsere Empörung verfehlt seit einiger Zeit ihr Ziel. Wir empören uns über Nichtigkeiten, über Sätze, die jemand irgendwo gesagt hat. Dabei verlieren wir die wirklich schlimmen Themen aus dem Blick: Im Mittelmeer sterben Kinder, im Thüringer Landtag sitzt ein Faschist. Regt das noch jemanden auf? Nur gelegentlich. Und dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist: Wir haben uns alle längst daran gewöhnt, dass Rechtspopulist*innen in der Öffentlichkeit und in deutschen Leitmedien etwas zu sagen haben. Ein Beispiel, wie es grad läuft:  

 

In der letzten Septemberausgabe der ZEIT adeln die beiden Journalisten Mariam Lau und Jochen Bittner den Chemnitz-Leugner und ehemaligen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen zum Experten für Fragen zu den Folgen der „Flüchtlingskrise“. Mehr noch: Beide Journalisten stellen sich subtil auf seine Seite, wie Harald Staun, Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auffällt: Er weist seinen Kolleg*innen nach, wie sie mit ihren Fragen „Maaßens Position“ einnehmen. Er stellt fest: Sie lassen ihn „davonkommen“.  

 

Das ist keine große Überraschung, wenn man weiß, wie Lau und Bittner ticken. So hetzt Lau gegen „Flüchtlinge“, als sie beispielsweise 2018 in einem ZEIT-Beitrag zur privaten Seenotrettung mit Hardliner-Aussagen auffällt, dass Seenotretter ein „Teil des Geschäftsmodells der Schlepper“ seien. Auf einer Podiumsdiskussion über Haltungen im Journalismus erwägt Bittner ernsthaft, mit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch zu diskutieren, wie und ob ihr Schießbefehl gegen „Flüchtlinge“ technisch umsetzbar sei: „Ist die Bundespolizei dafür ausreichend ausgerüstet, bräuchten die da nicht Maschinengewehre, Flammenwerfer?“, lautet eine seiner Fragen, „Wo begraben wir die ganzen Leute?“ eine andere. Hat Hitler es logistisch-technisch interessiert, wie man Tausende von Juden ermordet oder wo man sie begräbt? Nein. Er beauftragte die „Endlösung der Judenfrage“ und irgendwer erfand dafür die Gaskammern von Auschwitz. 

Keine Bühne für Faschist*innen

Wer wie die ZEIT Maaßen eine Bühne bietet oder Populisten und Faschisten Gehör und Öffentlichkeit verschafft, legitimiert rechte Positionen. Er verhilft geistigen Brandstiftern, ihre Lügen zu verbreiten und bestärkt sie in ihren Narrativen.  

 

Das Ziel vieler Journalisten, durch Nachfragen und Nachbohren Narrative zu entkräften, wird komplett verfehlt. Stattdessen spielen die Journalisten dem Opfernarrativ weißer privilegierter Männer in die Hände. Die Spur reicht vom Cover des Spiegels bis zu abgebrochenen Interviews im ZDF: Faschisten sehen sich als Opfer der „Lügenpresse“, Opfer einer „Meinungsdiktatur“. Diesen „Opfern“ weiterhin zu Publicity zu verhelfen, ist der falsche Weg. Denn aus Worten werden Taten, werden Hetzjagden auf Menschen in Chemnitz, werden Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Halle, wird der Mord an Walter Lübcke. Es gibt nur einen Weg, mit Rechten umzugehen: Sie mit Ächtung zu strafen. Ihnen keinen Fußbreit in der Öffentlichkeit zu überlassen.  

 

Wir haben geschworen: Nie wieder. Nie wieder Faschismus. Wie können wir diesen Schwur bewahren, wenn im Mittelmeer Kinder sterben und im Thüringer Landtag ein Faschist sitzt? Nur durch Empörung. Sie zeigt unsere menschliche Seite, denn der Empörung geht voraus, dass wir berührt werden, manchmal auch verletzt. Dass uns etwas wütend macht, dass wir etwas ungerecht finden. Dass es auch andere Wege gibt, geben muss. Also trauen wir uns. Schlucken wir das schlechte Gefühl im Hals nicht runter, sondern artikulieren wir es. Machen wir uns angreifbar, machen wir uns verletzlich, erinnern wir uns daran, was es bedeutet, menschlich zu sein. Wo wären wir ohne Greta, wo ohne Rezo? Sie machen es vor: Wer sich auf einer soliden Quellenlage über die wichtigen Themen empört, hat den längeren Atem. Greta und Rezo lassen sich nicht wegdiskutieren, ruhen sich nicht auf einem Opfermythos aus.  

 

Demokratie lebt von Partizipation, von Teilhabe und Anteilnahme. Demokratie lebt von jedem Einzelnem und jeder Einzelnen von uns. In der Demokratie kann jeder und jede etwas bewirken. Schweigen hingegen ist keine Option: Denn wer schweigt, stimmt zu. Uns zu empören, ist die einzige Möglichkeit, uns zu retten, das Erbe der Résistance zu wahren und weiterhin in Frieden und Wohlstand leben zu können. Fangen wir an. 

 

Zur Person:

 

Cesy Leonard ist Künstlerin und Filmemacherin. Ihre künstlerische Heimat fand sie 2010 beim Zentrum für Politische Schönheit. Dort leitet sie heute den Planungsstab und ist Teil des kreativen Kernteams. 

 

Hinweis: Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur kritischen und vielstimmigen Debatte aktueller Fragen der offenen Gesellschaft beitragen.

Aufstand der Ideen: Das Printmagazin

Dieser Text ist eine Vorabveröffentlichung aus unserem Printmagazin DAFÜR, das Mitte Dezember 2019 erscheint. Unter dem Titel Aufstand der Ideen versammeln wir darin Thesen zum neuen Zeitgeist und stellen Menschen vor, die unsere offene Gesellschaft verteidigen. Mit dabei sind unter anderem Georg Diez (was wäre wenn), Esra Küçük (Allianz Kulturstiftung), Sham Jaff (what happened last week) und Orry Mittenmayer (Liefern am Limit). Du kannst das Magazin jetzt schon vorbestellen  per Mail mit deiner Postadresse an: magazin@die-offene-gesellschaft.de. Gerne schicken wir dir kostenfrei ein Exemplar zu. Solange der Vorrat reicht.

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